Rotaprint: Ein Kiez soll durch Kunst und Gewerbe gestärkt werden

von Joachim Faust (joachim) am 30.11.2009

Foto: das Eckgebäude der Rotaprint-FabrikFreunde brutalistischer Architektur kommen an der Panke ebenfalls auf ihre Kosten. An der Gottsched-/Ecke Bornemannstraße springt ein Eckbau ins Auge. Dem vom unbekannten Architekten Klaus Kirsten gebaute Bürogebäude mit einer Fassade aus Sichtbeton dürfte nur dem architektonisch geschulten Betrachter auf Anhieb gefallen. Wer aber genauer hinschaut, entdeckt nicht nur die Einzigartigkeit dieser Architektur in Berlin, sondern auch ein Projekt, das einen benachteiligten Kiez behutsam nach vorne bringen will: ExRotaprint.

Daniela Brahm, Gesellschafterin der "Ex-Rotaprint"- gGmbH und zusammen mit Les Schliesser und Anna Schuster Mit-Initiatorin von ExRotaprint hat die Besonderheit dieses Fabrikgeländes von Anfang an erkannt. Die ehemalige Druckoffsetmaschinenfabrik Rotaprint vereint auf engstem Raum die unterschiedlichsten Baustile. Das repräsentative Quergebäude hingegen, das durch seine riesige, rechteckige Glasfront beeindruckt, bietet sich für die Einbindung in die Öffentlichkeit geradezu an. Ein nach hinten weisender Anbau, auf den man durch einen lieblos aufs Nachbargrundstück gebauten Discounter nicht mehr von der Straße aus schauen kann, ist ein besonders gelungenes Beispiel einer Architektursprache, der es um Leichtigkeit und Transparenz ging.







Foto: die ehemalige LehrwerkstattDie einzigartige Architektur der Fabrik, die außerdem noch Bauten aus der Vorkriegszeit umfasst, aber keine Fertigungshallen mehr, ist ein wichtiger Anziehungspunkt, um Außenstehende für das gesamte Projekt zu begeistern. Trotzdem soll auf das Umfeld, ein extrem schwieriger Kiez, Rücksicht genommen werden – anders als es Immobilienspekulanten für gewöhnlich tun: ExRotaprint will den Standort hier nicht überrollen und ihm etwas Fremdes überstülpen. Es kommt auf die richtige Mischung an: es gibt zu je einem Drittel eine Nutzung durch soziale Träger, Gewerbe und Kulturwirtschaft. Das typische Weddinger Kleingewerbe soll auf diese Art integriert und nicht verdrängt werden. Die so genannte Gentrifizierung droht dem Gebiet rund um den Nettelbeckplatz zwar nicht im gleichen Maße wie in anderen Teilen von Berlin-Mitte, aber die ersten Luxus-Dachgeschosse kann man schon von der obersten Etage des Fabrikgebäudes sehen. Die Akteure von ExRotaprint sind sich bewusst, dass ExRotaprint auch eine Strahlkraft für den Kiez besitzen kann. Mit der Übernahme der Fabrik im September 2007 durch die "ExRotaprint gGmbH" ist ein Signal gegen Immobilienspekulation gesetzt worden. Um zu verhindern, dass das gesamte Gelände vom Liegenschaftsfonds an einen Investor verkauft wird, taten sich einige der damaligen Mieter zusammen. Sie wollten der Perspektivlosigkeit der Rotaprint-Fabrik etwas entgegensetzen. Nach intensiven Diskussionen einigten sie sich auf die Rechtsform einer nicht-gewinnorientierten gemeinnützigen GmbH. Für den Grundstückskauf wurden zwei Stiftungen gefunden, deren Zielsetzung es ist, sich gegen die Spekulation mit Grund und Boden zu richten und Alternativen zu fördern.Mit den Stiftungen hat die ExRotaprint gGmbH einen 99-jährigen Erbbaupachtvertrag geschlossen und ist somit alleinveranwortliche Betreiberin des Geländes.

Weiterführende Links:

Website Ex Rotaprint

Neuere Themen:

Uferhallen: Nach dem Auszug der Busse kam die Kunst



Kurzporträt Uferhallen und Uferstudios

Berlin-Gesundbrunnen: Wo einst eine Quelle sprudelte...

Kurzporträt Gesundbrunnen, Luisenbad und Tresorfabrik

Ältere Themen:

Die Wiesenburg: Ein besonderes Asyl, damals wie heute

Kurzporträt Wiesenburg

Back