Panke-Hochwasser: Wer den Schaden hat...

von Joachim Faust am 11.09.2012

(Artikel aus dem Berliner Abendblatt, Ausgabe Wedding vom 8. September 2012):

Die Anwohner zwischen Gericht- und Chausseestraße verlassen sich nicht mehr auf die Überwachungssysteme am Panke-Wehr in der Schulzendorfer Straße. Sie schauen mehrmals täglich selber nach, ob sich Unrat vor den Eisenstäben staut. Der Wasserstand der Panke ist nämlich auch nach der Überflutung in der Nacht zum 22. August ungewöhnlich hoch. Von den Behörden fühlen sie sich im Stich gelassen. „Niemand hat uns Unterstützung angeboten“, sagt Anwohnerin Anja Aust.

Die Spuren des Hochwassers sind in der Schönwalder, Kunkel-, Ravené- und Neuen Hochstraße allgegenwärtig. „Der Fahrstuhl in unserem Haus ist völlig demoliert, bis ein neuer eingebaut ist, dauert es noch Monate“, erzählt eine junge Mutter. Sie schleppt Kleinkind und Einkäufe jetzt in den siebten Stock. Eine Nachbarin,die im Rollstuhl sitzt, musste zu Verwandten ziehen: Sie kann nicht mehr in ihre Wohnung.

Kinderärztin Luise Schröter musste ihre Praxis schließen. „Ich habe einen Totalschaden. Das Labor, viele Geräte und Schränke waren im Kellergeschoss und sind völlig zerstört. Aus den ebenerdigen Praxisräumen mussten wir die Rigipswände herausnehmen. Die Böden und Möbel sind ruiniert. Es dauert mindestens acht Wochen, bis wir hier wieder arbeiten können.“ Sie sei in der Flutnacht noch vor der Feuerwehr vor Ort und über die Wucht des Wassers entsetzt gewesen. „Feuerschutztüren waren eingedrückt, manche meiner Geräte haben wir gar nicht wiedergefunden – wer weiß, wo die hin geschwemmt wurden.“ Bis die Schäden beseitigt sind, hat Luise Schröters Praxisteam Unterschlupf im Ärztehaus Medico am Leopoldplatz gefunden.

Die Tiefgarage neben der Kinderarztpraxis ist noch gesperrt.Ein Anwohner, der in der Unwetternacht sein Auto habe retten wollen, war froh,mit heiler Haut davongekommen zu sein: Als er hinunterging,schwammen die Autos bereits unter der Garagendecke. „Fünf Meter hoch ist die Panke gestiegen, das ist noch immer unfassbar für mich“, sagt Feuerwehrsprecher Rolf Erbe, der in der Unwetternacht zur Panke gefahren war.„Auf dem Spielplatz stand das Wasser bis zur Tischtennisplatte.“ Dieser Spielplatz an Schönwalder Straße ist inzwischen gesperrt. „Wir haben das Grünflächenamt gebeten, zu überprüfen, ob die Spielgeräte noch standsicher sind“, so die junge Mutter. Das Amt habe prompt reagiert, schon am nächstenTag war rot-weißes Flatterband gespannt.

Für Mittes Baustadtrat Carsten Spallek ist die Angelegenheit dagegen mit dem Flicken der Löcher im Gehweg (Kostenpunkt: 5.000 Euro) erledigt. Für die Anwohner nicht: Sämtlicher Hausrat, den sie im Keller gelagert hatten, ist zerstört. Das Wasser stand dort bis zur Decke. Die Auswirkungen, die durchnässte Fundamente auf die Stabilität der Häuser haben, ist noch nicht absehbar. Donnerstag vergangener Woche kamen etwa 50 Nachbarn zusammen, um über das weitere Vorgehen zu beraten. „Wir haben uns jetzt einen Anwalt genommen, der unsere Interessen gegenüber Senat und Wasserbetrieben vertreten soll“, sagt Anja Aust. Wie berichtet, war in der Nacht vom 21. zum 22.August die Panke über ihre Ufer getreten. Unmittelbare Ursache war die Verstopfung des Rechenwehrs in der Schulzendorfer Straße. Dieses Wehr hat die Funktion, grobes Schwemmgut zurückzuhalten, damit es nicht in die Rohrsysteme gelangt, durch die die Panke unter der Chausseestraße hindurchfließt. Betreiber des Rechenwehrs sind die Berliner Wasserbetriebe (BWB) im Auftrag des Senats. Dahinter liegt ein Schlauchwehr, für das die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung verantwortlich ist. „Dieses Schlauchwehr hat beim Hochwasser einwandfrei funktioniert“, sagt Petra Rohland, Sprecherin der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Ursächlich für den Stau sei das verstopfte Rechenwehr gewesen. Die Berliner Wasserbetriebe verweisen auf das Jahrhundert-Unwetter: Der Schieber, der den Unrat in Container befördert, ist ausgefallen, weil binnen kürzester Zeit Massen an Laub und Schnittgut angeschwemmt wurden. „Im Panke-Einzugsgebiet war offensichtlich gerade gemäht worden“, sagt BWB-Sprecher Stephan Natz. Ähnliches könne bei entsprechender Wetterlage jederzeit wieder geschehen. „Eigentlich müsste an dieser Stelle Tag und Nacht jemand sitzen, der Wache hält – auf die Gefahr hin, dass er 20 Jahre umsonst dort sitzt“, sagt Natz. Einfach öffnen könne man das Wehr nicht, weil es dann zu Verstopfungen in der verrohrten Panke kommen könnte –mit unabsehbaren Folgen. Die Anwohner fordern jetzt, dass sie Unwetterwarnungen erhalten – schließlich sind bei der Überflutung nur durch Zufall keine Menschen zu Schaden gekommen. Manche würden gern Sandsack-Vorräte anlegen. „Wo bekommt man die?“, wurde auf der Bürgerversammlung gefragt.

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