Die Wiesenburg - eine Ruine alten Bürgersinns

von Joachim Faust am 15.01.2010

- es ist keine Bildbeschreibung verfügbar -BERLIN-WEDDING/GESUNDBRUNNEN: Das Obdachlosenasyl "Wiesenburg" ist mehr als nur eine pittoreske Ruine

Über den 1848 gegründeten »Friedrich Werderschen Bezirksverein« wäre einmal in den Archiven nachzuspüren – online ist über dessen Tätigkeit nicht viel zu erfahren. Dieser Verein ist es, der in der Wilhelmstraße/Ecke Dorotheenstraße (Mitte) ein Mädchen- und Frauenasyl mit 60 Plätzen eröffnet. Aller Anfang ist mühsam, denn trotz der auch im Jahre 1869 akuten sogenannten „sozialen Frage“  war der erste und einzige Gast der Eröffnungsnacht ein 18-jähriges Dienstmädchen.

Die Mitglieder des „Friedrich Werderschen Bezirksverein“ gründeten 1868 den „Berliner Asylverein für Obdachlose“ zunächst mit dem Ziel, ein Frauenasyl zu bauen. 1870 wird ein dafür konzipierter Bau in der ehemaligen Artilleriewerkstatt in der Füsilierstraße in der Nähe des Oranienburger Tores errichtet. Die 120 Betten für 100.000 Übernachtungen sind gemessen an den Problemen im damaligen Berlin zu knapp – 1898, in der Blütezeit des Vereins, wird ein Neubau errichtet.

Dieser Asylheim-Neubau wird aufgrund seiner Größe und der anliegenden Wiesenstraße als Wiesenburg in ganz Berlin bekannt. Zunächst als Männerasyl errichtet, erfolgt 1907 die Erweiterung um ein Frauenasyl. Das gesamte vom Berliner Magistrat gekaufte Gelände reicht nach den letzten getätigten Erweiterungen von der Wiesenstraße bis zur Panke und von den Bahngleisen (mit einem Flurstück) bis zur Kolberger Straße.

 

 

 

- es ist keine Bildbeschreibung verfügbar -In der Bedeutung nicht zu unterschätzen ist die Philosophie des Hauses, die Asylisten nicht als  Erziehungsobjekte zu betrachten, sondern schlicht in der Not zu helfen. Oberstes Gebot der Wiesenburg war im Unterschied zur kommunalen „Palme“ (Obdachlosenasyl in der Fröbelstraße) die Anonymität. Auch gab es weder Verpflichtung zur Arbeit noch zur Teilnahme an Gebetsstunden wie beispielsweise in der Schrippenkirche (ein Betsaal war bewusst ausgespart). Zweites Prinzip neben der Anonymität war das Prinzip Hygiene, das der im Verein tätige Rudolf Virchow durchsetzte.

Mit dem Ende der Kaiserzeit geht auch die Zeit des Berliner Asylvereins zu Ende. Das Gelände der Wiesenburg wird weiter- und untervermietet. Es folgen Kooperationen mit städtischen Einrichtungen, die Finanzierung ist nicht mehr gesichert, Rüstungsfirmen ziehen ein. Der zweite Weltkrieg zerstört die Gebäude, übrig bleibt nur das Beamtenwohnhaus.

(Gedruckte) Veröffentlichungen über das mehr als hundert Jahre alte bürgerliche Sozialprojekt gibt es in Fülle. Ein möglicher erster Zugang zum Thema wäre zum Beispiel die sehr ergiebige Materialsammlung, die die Familie Dumkow (eine Bewohnerfamilie des Geländes) erstellt hat.

 

 

 

- es ist keine Bildbeschreibung verfügbar -

Das Gelände ist seit Jahren nicht öffentlich. Es ist also kein Ort für Touristen, eher ein Ort für Geschichtsliebhaber. Und es ist ein Ort für Wedding-Spaziergänger, die von der Panke her oder von der Wiesenstraße her einen Blick werfen mögen. Vielleicht ist es außerdem auch ein Ort für Freunde der Wiesenburgbewohner, für Filmemacher und Partyisten – aber das ist nicht verbürgt.

Autor: Franz Havel

Weiterführende Links:

http://weddingkrass.wordpress.com/2009/11/22/wiesenburg/

http://www.planet-wedding.de/2010/01/14/willkommen-in-der-wiesenburg/

Panoramafotos aus der "Wiesenburg":

http://www.kubische-panoramen.de/index.php?id_id=1059&p=s

Mehr Beiträge von Franz Havel auf panke.info:

http://panke.info/pages/topics/2009-hostel-ufernacht.php

Mehr Beiträge auf weddingkrass.wordpress.com

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Kommentare

10.08.2012

wilhelm

ich bin berlin -motiv. maler und werde demnächst

das gelände malerisch zur papier bringen es ist ein spanender ort ein blick in die vergangenheit

ich habe mit fr dumkow selber gesprochen eine sehr nette frau liebe gr der künstler