Das Magazin "Der Wedding"

von Joachim Faust (joachim) am 09.10.2009

- es ist keine Bildbeschreibung verfügbar -Der Wedding ist in einer ehemaligen Fleischerei in der Liebenwalder Straße entstanden. Jedenfalls arbeiten dort Julia Boeck und Axel Völcker, zwei Endzwanziger, die ihr neues Kulturmagazin schlicht "Der Wedding" genannt haben. Am Straßenfenster des Veranstaltungslokals des Kulturvereins "Mastul e.V.", in dem der Herausgeber und die Chefredakteurin an ihrem Magazin gearbeitet haben, stehen Ohrensessel neben einer Stehlampe, und an der Wand sind noch die Originalfliesen aus der früheren Fleischerei zu sehen. Ebenso vielfältig wie das Programm des Kulturvereins präsentiert sich die erste Ausgabe des "Wedding", die am 02.02.2008 erschienen ist. Darin wird der Leser dazu eingeladen, sich dem Stadtteil von außen nach innen zu nähern. "Der Name 'Der Wedding' stand von vornherein fest", erklärt Völcker, der das Magazin gestalterisch betreut. Seine Diplomarbeit bestand aus der Nullnummer des Magazins. Danach reifte die Idee, daraus eine Zeitschrift zu machen, die auch inhaltlich überzeugt: "Wir wollen den Wedding zeigen, wie er ist und nicht in ein falsches Licht rücken", sagen die beiden gebürtigen Rüganer, die seit neun Jahren in Berlin leben. "In einem ersten Schritt haben wir daher versucht, eine Bildsprache zu finden, die zum Wedding passt", so der diplomierte Kommunikationsdesigner Völcker. Heraus kam eine Typographie, die in den 1980er Jahren stehengeblieben zu sein scheint. Auf ein Zeitschriftenlogo wird bewusst verzichtet - der Ort Wedding ist schließlich auch nicht aus einem Guss.

Von der Schwierigkeit, qualitativ hochwertige Texte für das Magazin zu finden, weiß die Literaturwissenschaftlerin Julia Boeck: "Wir mussten Autoren finden, die bereit waren, ohne Geld für uns zu schreiben. Das Ergebnis ist eine große stilistische Vielfalt der Texte, die zum Teil von professionellen Autoren stammen." Die zahlreichen Fotostrecken wiederum zeigen ungeschönte Innenansichten - "nur eben durch uns gefiltert", erklären die Macher der Zeitschrift. Es geht ihnen darum, sich dem Ort Wedding anzunähern und ihn dann unterstützend und unverzerrt widerzuspiegeln. "Für uns ist erst mal jeder interessant", fasst es Julia Boeck zusammen, "nicht nur die Themen, die sowieso gerade im öffentlichen Interesse sind." Beim Durchblättern des Magazins gelangt der Leser dann auch an Orte, die typisch für den Wedding sind, sich aber doch den Blicken verbergen, wie die Fotos aus arabischen oder türkischen Kulturvereinen.

In den Räumen des "Mastul e.V." wird jetzt nach dem erfolgreichen Verkaufsstart des Magazins an weiteren Ausgaben gearbeitet. "Das nächste Mal berichten wir berlinweit – der Focus öffnet sich", sagt der 29jährige Völcker. Es geht um Verwandtschaft im weitesten Sinne – Eigenschaften, wie sie der Wedding besitzt, lassen sich auch in anderen Bezirken oder anderen Städten finden. Dies und andere Aspekte der Verwandtschaft herauszuarbeiten wird die neue Herausforderung für die beiden Herausgeber sein. Die Hauptinvestition für das Magazin mit 3000 Exemplaren Auflage, das wissen die beiden Herausgeber, ist Idealismus: "Wir streben nicht an, profitabel zu sein", sagt Axel Völcker. Und Julia Boeck fügt hinzu: "Wir sehen es als Privileg, unsere Vorstellung von Journalismus in diesem Magazin zu verwirklichen und dabei zu lernen. Das ist der eigentliche Erfolg."

Autor: Joachim Faust

Lesen Sie hier eine Rezension der zweiten Ausgabe:

Die zweite Ausgabe: "Verwandtschaft"

An der lieben Verwandtschaft kann man sich die Zähne ausbeißen. Trotzdem hat sich die Redaktion des Magazins "Der Wedding" für die zweite Ausgabe diesem Thema gestellt. Zwar ist aus dem Kulturmagazin, das "Der Wedding" anfangs sein wollte, ein "Magazin für Alltagskultur" geworden, aber es ist auch die Leistung der Redakteure, das Besondere im Unscheinbaren zu finden. - es ist keine Bildbeschreibung verfügbar -Im Wedding hat die Redaktion genügend Themen direkt vor der Haustür gefunden, die erstaunliche Geschichten hervorbringen, wenn man nur ein wenig an der rauen Oberfläche kratzt. Das Erscheinungsbild der zweiten Ausgabe ist, angefangen beim Titelschriftzug, immer noch ausgefallen, drängt sich aber weniger auf als bei der Premierennummer. Erstaunlich ist, wie sensibel und facettenreich das an sich nichts sagende Thema Verwandtschaft in "Der Wedding" ausgeleuchtet wird. Auf den ersten Blick liegt es auf der Hand, dass die Familie bei Weddinger Migranten einen anderen Stellenwert als bei Deutschen genießt und allein schon deshalb in diesem Magazin nicht fehlen darf. Aber auch geistreiche Gedanken zum Generationenvertrag kommen ebenso wie Betrachtungen zu Weddinger Partnerstädten vor. Die Fotostrecken sind wie gewohnt sehr ausladend und bilden so die Realität in einem materiell armen, aber an menschlichen Regungen reichen Stadtteil glaubwürdig ab. Die Erstausgabe vom Februar 2008 wirkt gegen den zweiten "Der Wedding" experimenteller, aber auch noch wesentlich unreifer. Es hat sich gelohnt, einen thematischen Schwerpunkt zu setzen, der nicht nur die Hülle für ein ästhetisches Experiment sein will. Die "Verwandtschaft" bietet erheblich mehr Stoff als im vorhinein erwartet werden konnte, wenn beispielsweise in einem sozialpolitischen Artikel die "Zwangsheirat" von Wedding und Mitte beleuchtet und im Fazit dann als Scheinehe bezeichnet wird. Das klingt erst einmal ein wenig an den Haaren herbeigezogen – aber stimmt es denn nicht? Auf die nächste Ausgabe darf man jetzt wirklich gespannt sein. Auf den Untertitel mit der Alltagskultur könnte "Der Wedding" dann gut verzichten.

Verkaufsstellen des Magazins findet man unter www.derwedding.de unter "Bestellung". Die erste Ausgabe trägt den Titel "Der Wedding - Komm' se rin".

Am 23.03.2009 ist die zweite Ausgabe mit dem Thema "Verwandtschaft" erschienen.Sie kostet 5 € und ist jetzt auch in allen Bahnhofsbuchhandlungen erhältlich.

 

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