Die Beweidung der Rieselfelder
Robust und wild, kurz hinter Buch
Kurz hinter der Berliner Stadtgrenze kann man erleben, wie entscheidend Wasser sein kann. Auch ungewöhnliche Tiere lassen sich dort finden.
Die Teilnehmer der Führung sind teilweise vom Fach: „Ich hab' ja selbst einen Garten“, sagt eine Dame auf die Frage, woher sie denn wüsste, dass Kiefernnadeln den Boden versauern. Förster Romeo Kappel hat gerade erklärt, dass sich Kiefern auf den Rieselfeldern leichter ansiedeln ließen als andere Baumarten. Dabei hat er selbst als Student in den 80er Jahren viele Bäume in diesem Gelände gepflanzt. Nur ein Drittel der damals gepflanzten Bäume überlebte: „Nachdem 1986 die Verrieselung von Abwässern eingestellt wurde, ist der Grundwasserspiegel stark gesunken“, erklärt Förster Kappel. „In den Rieselfeldern war alles darauf ausgelegt, dass das Wasser schnell abfließt“, erklärt der Tourenleiter. Wie also das Gebiet wieder mit Wasser versorgen? „Von den einst täglich angepumpten 150.000 m³ Abwasser werden heute wieder 5.000 m³ gereinigtes Abwasser in die Reinigungsteiche in Hobrechtsfelde zurückgeleitet“, erklärt Kappel. Rund um die Teiche ist es daher gelungen, den Grundwasserspiegel zu erhöhen. Das ein zweites Mal gereinigte Wasser hat zwar keine Trinkwasserqualität, kann aber bedenkenlos über den Lietzengraben in die Panke abgeleitet werden. In diesem Zusammenhang weist Förster Kappel auch auf den Bewusstseinswandel hin, demzufolge Flüsse heute nicht mehr nur noch als Wasserableiter gesehen werden.
Ein erhebliches Problem bestand aber auch in der hohen Schadstoffbelastung der Böden. „Ich hätte nicht gedacht, dass Medikamente solche Auswirkungen haben können“, kommentiert ein Teilnehmer die Erläuterungen des Försters. Medikamente, Waschmittel und industrielle Abwässer haben nach der jahrzehntelangen Nutzung als früher fruchtbare Anbaufläche den Boden der Rieselfelder nachhaltig geschädigt. Mit dem "Bucher Verfahren" versucht man, Schlimmeres zu verhindern. „Damit wurde zwar das Schadstoffproblem stabilisiert, aber nicht dauerhaft gelöst,“ sagt Kappel, der hofft, dass einst sein Nachfolger in 10.000 Jahren eine bessere Ausgangssituation vorfinden wird.
72.000 Tonnen Bodenaushub stammten vom U-Bahn-Bau in Pankow. Als unerwarteter Glücksfall entpuppten sich die Findlinge, die sich im Bodenaushub versteckten: im Rahmen eines Bildhauersymposiums wurden diese zu Skulpturen verarbeitet. Als Projekt „Steine ohne Grenzen“ stehen sie über das gesamte Rieselfeldgebiet verteilt. Weitere Relikte, diesmal aus der Zeit der Verrieselung, sind abgeschnittene Rohre mit blauem Deckel, die heute als Wegmarken dienen und einen Rundkurs beschreiben.
Förster Kappel reißt auf dem Weg auch Zweige oder Gräser ab, um die Dynamik der Ansiedlung von Pflanzen zu erläutern. „Der eschenblättrige Ahorn wächst hier besonders gut – er ist resistent, robust und bildet nach wenigen Jahren geflügelte Samen“, erklärt er. Dieser Baum verbreitet sich jedoch sehr aggressiv und verdrängt somit andere Baumarten, die artenreichere Lebensräume darstellen.
Auch Tiere spielen bei der Gestaltung dieser halboffenen Landschaftsform eine große Rolle: „Die großen Weidetiere wie Elche, Hirsche und Auerochsen fehlen heute“, erklärt Romeo Kappel. Dabei würden diese Tiere die Landschaft freifressen, und auch ihre Kothaufen sind für Kleintiere von Käfern bis hin zu Regenwürmern von großer Bedeutung.
In Hobrechtsfelde wird daher in Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Eberswalde ein Beweidungsprojekt mit robusten Rindern und Wildpferden durchgeführt. Mirko Vergien, Diplom-Ingenieur für Landschaftsnutzung und
Naturschutz, arbeitet für die Agrar-GmbH Gut Hobrechtsfelde, die die Beweidung durchführt: „Uns ist eine extensive Beweidung wichtig“, erklärt Vergien. Nur 0,3 Tiere pro Hektar – dies bedeutet genug Futter für die zwölf schottischen Hochlandrinder und die drei Konik-Wildpferde. Tag und Nacht, sommers wie winters stehen die Tiere ohne Aufsicht auf der 50 ha großen Weidefläche. „Die Rinder grasen von unten, während die Pferde vom Halm abwärts fressen“, erklärt Vergien das sich ergänzende Fressverhalten. Für die halboffene Landschaft sei es außerdem wichtig, dass die Gehölze zurückgebissen werden. Insgesamt sei der Beweidungseffekt gut, und die Verbuschung der Landschaft gestoppt. Und dies, so erklärt der Experte, erhöhe die Chancen, dass die Entstehung von Wald auf den Beweidungsfläche wieder gelingen kann.
Die Tiere sind wohl der Hauptgrund, weshalb viele Teilnehmer zu dieser Führung über die Weideflächen gekommen sind. Leider sind Rinder und Wildpferde an diesem Tag nur aus der Ferne im Dickicht stehend zu bewundern. Enttäuscht scheint aber niemand zu sein. „Meine Besucher führe ich immer am liebsten auf die Rieselfelder“, sagt Herr Kühn aus Schönow. Frau Bublitz wollte ebenfalls mehr über die Pflanzen und Tiere erfahren: „Sonst fahre ich immer nur hier durch zum Gorinsee“, sagt die Dame aus Buch schmunzelnd. Sie und die anderen Teilnehmer wissen jetzt, dass die ungewöhnliche Landschaft der früheren Rieselfelder ein Stück belebter ist. Sie waren an diesem Tag auf der anderen Seite des Elektrozauns.
Autor: Joachim Faust
Konik-Wildpferde in Hobrechtsfelde
Info: Hobrechtsfelde
Die Landschaft rund um das heutige Hobrechtsfelde besaß ursprünglich viele Seen, die aus aufgetauten Toteisblöcken entstanden waren, die nach der letzten Eiszeit unter einer Kiesschicht begraben lagen. Im 19. Jahrhundert waren diese Seen bereits vermoort. Zwischen den Seen dehnten sich große Waldgebiete aus.
In der rasant wachsenden Stadt Berlin des 19. Jahrhunderts herrschten unhaltbare hygienische Zustände. Der Zusammenhang zwischen dem schmutzigen Trinkwasser aus der Spree und häufig auftretenden Krankheiten wie Typhus und Cholera wurde von Rudolf Virchow nachgewiesen. Der Ingenieur James Hobrecht (1825-1902) entwickelte ab 1873 ein unterirdisches Druckrohrradialsystem mit Rieselfeldern vor der Stadt. Jedes der zwölf Radialsysteme besaß ein Pumpwerk. Ab 1876 wurden die Radialsysteme in Betrieb genommen. Die Abwässer wurden schließlich auf die weit vor der Stadt liegenden Versickerungsflächen der Rieselfelder geleitet. Die mit Gemüse und Gras bestellten Rieselfelder - dienten sowohl der Reinigung des Abwassers als auch einer intensiven landwirtschaftlichen Nutzung, die hohe Erträge garantierte. Das Gut Hobrechtsfelde wurde 1898 gegründet, besaß 975 Hektar und wurde 1908 nach James Hobrecht benannt. Das Gut diente in erster Linie der Versorgung der Krankenhäuser in Buch.
Die Zunahme der Industrialisierung und der Einwohnerzahl Berlins führte auch zu höheren Abwassermengen. Daher wurde ab 1976 auf Intensivfilterbetrieb umgestellt. Die sogenannten Rieseltafeln, die relativ klein waren, wurden zu größeren Einheiten zusammengefasst und von höheren Wällen umgeben. Das Abwasser stand nun zentimeterhoch in den Rieselbecken, die aus den vormaligen Feldern hervorgegangen waren. Die Schadstoffe aus dem jetzt industriell immer stärker belasteten Wasser reicherten sich im Boden an. Im Stadtgut selbst wurde auf Viehzucht und Milchwirtschaft umgestellt.
Als 1985 das Klärwerk Schönerlinde in Betrieb ging, verloren die Rieselfelder die ihnen zugedachte Funktion. Die 1987 anstehende 750-Jahr-Feier Berlins wurde zum Anlass genommen, die Rieselfelder kurzfristig in einen Erholungswald umzuwandeln. Die Begrenzungswälle wurden eingeebnet und auf der gesamten Fläche zahllose Bäume mit mehr als 50 Arten angepflanzt. Die Wiederaufforstung misslang zu etwa zwei Dritteln, da der Grundwasserspiegel nach dem Ende der Verrieselung stark abgesunken war. Auch die hohe Schadstoffbelastung der Böden verhinderte den erfolgreichen Anwuchs der Bäume. Lediglich Pappeln und Eschenahorne setzten sich durch und prägen heute die Fläche. Nach dem Ende der DDR lag das Gebiet in zwei Bundesländern, wobei die Berliner Forsten zuständiger Eigentümer blieben. Es wurde beschlossen, von der Aufforstung Abstand zu nehmen und eine halboffene Wald- und Wiesenlandschaft zu gestalten.
Der Schadstoffbelastung der Böden versuchte man zuerst, mit der Verteilung von Kalk aus Hubschraubern Herr zu werden. 1996 begann man, Geschiebemergel auf die durch die Abwasserbehandlung schadstoffbelasteten Flächen 30 cm dick aufzubringen und nach einer Ruhezeit von 3-6 Monaten bis einen Meter tief in den Boden einzufräsen. Der auf diese Art eingefräste Geschiebemergel bewirkt, dass Schadstoffe an die Tonminerale gebunden werden. Die Versorgung von Pflanzen und Bäumen wird gleichzeitig verbessert. Pro Hektar werden etwa 6.000 Tonnen Mergel eingebaut, was ca. 240 LKW-Ladungen entspricht. Diese Methode zur Stabiliserung schadstoffbelasteter Böden ist als „Bucher Verfahren“ bekannt.
Der Wasserhaushalt der trockengefallenen Rieselfelder wird zudem durch eine langsame Wiederbewässerung des Gebiets stabilisiert. Modellhaft wird an zwei Standorten gereinigtes Abwasser eingeleitet und in seiner Qualität verbessert. Es fließt anschließend zu wertvollen Feuchtgebieten, die seit Aufgabe der Rieselfeldnutzung unter Wassermangel
leiden.
Außerdem werden die Rieselfelder mit künstlerischen Mitteln (Skulpturen, Rieselfeldrelikte) aufgewertet. Naturschutz und Naherholung sollen auf eine einmalige Weise miteinander verbunden werden.

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