Verreisen in die eigene Stadt
Verreisen in die eigene Stadt
Innerstädtischer Tourismus ist kein neues Phänomen, aber aktueller denn je...
„Statt zu verreisen, kann man auch in der Stadt bleiben und diese unter immer wieder neuen Gesichtspunkten erleben“, beschreibt Jörg Zintgraf, Geschäftsführer von StattReisen Berlin, das Konzept seiner Firma. Schon seit 1983 bietet das Weddinger Unternehmen Stadtspaziergänge an, die gleichermaßen für Touristen von außerhalb und für Einheimische konzipiert sind. „Die Touristen und die Berliner miteinander ins Gespräch bringen ist uns ganz wichtig“, sagt Zintgraf, „denn so wird der Zoo-Effekt vermieden und die Stadt wirklich greifbar gemacht.“ Zunehmend interessieren sich nämlich die Berlin-Besucher auch für das Funktionieren dieser Millionenstadt – und nicht nur für die allseits bekannten Sehenswürdigkeiten. „Es kann durchaus reizvoll sein, sich auch die vermeintlichen Ghettos näher anzusehen“, sagt der Bezirksbürgermeister von Berlin-Mitte Dr. Christian Hanke, in dessen Bezirk mit Moabit, Wedding und Gesundbrunnen drei ganz besonders schlecht angesehene Ortsteile liegen.Dass darin auch ein touristischer Reiz liegen kann, glaubt auch der Bürgermeister.
Der eine oder andere Tourist
hat durchaus ein Interesse daran, eine preiswerte Unterkunft in einem einfachen, aber lebendigen Innenstadtviertel zu haben und von dort aus Berlin zu erkunden. So vermittelt StattReisen beispielsweise Schulklassen in eine Unterkunft in der Koloniestraße 77, am Nordostrand des Ortsteils Gesundbrunnen: „Die Stadt ausgehend von einem ehemaligen Wohnhaus in einem als Problemkiez geltenden Gebiet zu erkunden zeigt einfach viele Zusammenhänge auf“, erklärt StattReisen-Geschäftsführer Zintgraf. Wie sonst kann man verstehen, wie Hunderttausend Berliner wirklich leben?
Für alt eingesessene und zugezogene Berliner besteht aber ebenso Bedarf, ihre eigene Stadt in all ihren Facetten kennenzulernen. Vor allem entlang des ehemaligen Mauerverlaufs haben noch viele Anwohner Hemmungen, den Schritt über die einst unüberwindbare Grenze zu wagen. Eine von Anwohnern gegründete Initiative namens „Nächste Ausfahrt Wedding“, die sich gezielt an die Bewohner des Prenzlauer Bergs
richtet, möchte dies ändern. Verschiedene Stadtführungen, die von sachkundigen Einheimischen durchgeführt werden, beginnen vor der „Barriere“ Gleimtunnel und führen in den Nachbarstadtteil Gesundbrunnen. Die Mitbegründerin der Initiative Tanja Kapp ist von der unerwarteten Resonanz überrascht worden: „Bei der ersten Veranstaltung im Jahr 2007 kamen auf Anhieb 170 Leute!“. Angesichts der großen Gegensätze sogar zwischen benachbarten Stadtvierteln – auf östlicher Seite der sanierte Altbaukiez mit überwiegend akademisch geprägter Bewohnerschaft, auf westlicher Seite der sozial schwache Innenstadtkiez mit hohem Migrantenanteil – kann ein kurzer Ausflug schon zu einer kleinen Bildungsreise werden. Vorausgesetzt, man verfügt über wichtige Hintergrundinformationen, die von einem sachkundigen Stadtführer geliefert werden. Dass dieses Konzept auch langfristig tragfähig sein kann, beweist StattReisen mit der Tour „Hallo Roter Wedding“, die von Anfang an – also seit 25 Jahren, fester Bestandteil des Tourenprogramms ist.
Kerstin Kaie führt für „Nächste Ausfahrt Wedding“ per Rad auch schon mal in den Soldiner Kiez, der mit einem ganz besonders schlechten Image zu kämpfen hat. „Ich wohne schon seit vielen Jahren in diesem Viertel, kann aber nicht mit Geschichten über Überfällen oder Kriminalität dienen“, erklärt die engagierte Kiezbewohnerin ihren Tourteilnehmern, die von dem Ausflug durchweg begeistert sind. Die Teilnehmer werden im Gegenzug gebeten, ihre Eindrücke auf einem Fragebogen zu schildern, mit dem Kerstin Kaie Daten für die Imageforschung des Soldiner Kiezes sammelt. „Die B.Z. hat den Soldiner Kiez im März als Montmartre von Berlin bezeichnet“, sagt Kaie, die die Tourbesucher auch in eine der zahlreichen offenen Galerien der „Kolonie Wedding“ führt. Die Gäste sind vor allem überrascht: „Das habe ich hier ganz bestimmt nicht erwartet“, sagt Susanne, die im Gleimviertel wohnt und wieder herkommen will.
Andere Anbieter haben sich ganz auf Fahrradtouren spezialisiert. „Berlin on Bike“ etwa lotst die Teilnehmer gerne in innerstädtische Oasen oder entlang des ehemaligen Mauerverlaufs. „Die meisten Teilnehmer sind überrascht, wie gut es sich in Berlin Rad fahren lässt“, sagt Martin Riewestahl, der bei Berlin on Bike arbeitet und auch von Zeit zu Zeit selbst Touren leitet. Im Unterschied zu den Stadtspaziergängen kann man bei den Radtouren größere Entfernungen zurücklegen und einen größeren Ausschnitt der Stadt erleben. Gerade der Verlauf der Berliner Mauer und wie die Grenze die Stadt zerrissen hat lässt sich so in einen größeren städtischen Zusammenhang einordnen. Bei StattReisen wird bei manchen Stadtspaziergängen auch auf die öffentlichen Verkehrsmittel zurückgegriffen, um größere Entfernungen zu
überwinden. Und dadurch kommt man eben nicht nur von A nach B, sondern kann die Berliner in ihrem Alltag besonders eindrücklich erleben.
Entdecken Sie Berlin ganz neu - bei diesen Anbietern werden Sie fündig:
- Panke.info Tourenportal
dort auch diese spezielle Tour durch den Wedding
- Route 65 - Jugendliche führen durch ihren Kiez im Wedding
- Citywalkberlin - Spaziergänge mit 800 Kultur-Tipps!
- Gerhild Komander - Stadtführungen
- Stadtgänge - Stadtführungen in Pankow und Wedding
Kommentar von Matthias Groll (Citywalkberlin.de): "Ich sehe es (auch) so: Wer in der Stadt als Eingesessener bei Laune bleiben will, tut gut daran, sich für die Stadt zu interessieren. Anderenfalls entfremdet sie auch den Einheimischen, der außer dem Eigenkiez alles fremd wird. Die Stadt ist zu groß als daß man sie auf ´natürlichem´ Wege erfährt. Man muß Ausschau halten, hineinhorchen und neue Wege nehmen.
Berlin ist zudem geradezu paradox vielfältig. Dadurch ist das Ausland quasi inbegriffen. Stadtteile sind derart unterschiedlich geprägt, als lägen sie in fernen Ländern. Dies macht es umso spannender, sich aufzumachen. Viele bleiben vor allem im Sommer in Berlin, da es das Wetter erlaubt, auszuschwärmen. Ich bin auch stets aufs Neue überrascht von Idylle und Außergewöhnlichkeit, auf die man auch rein zufällig in neuen Gebieten stoßen kann.
Zudem ist Berlin überall extrem geschichtsintensiv. Dies läßt sich durchaus auch im öffentlichen Raum ohne Anleitung erleben. Dies macht einen Ausflug zur Bildungsreise.
Das Verreisen in die eigene Stadt ist in Berlin geradezu endlos möglich, da sie quasi endlos groß ist. Zwar befindet mach sich in der regel am Dorf, doch eben dies - es waren ja auch mal alles Dörfer - ist Teil des Erholungseffekts. Da scheint gar nicht mal die Stadt das Ziel zu sein, sondern die Winkel und Ecken, an denen man sich wundert, daß das alles Berlin sein soll."
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