Standortfaktor Problemkiez: ExRotaprint

von Joachim Faust am 21.09.2009

Standortfaktor Problemkiez

- es ist keine Bildbeschreibung verfügbar -Wie ExRotaprint versucht, einen Kiez aus seiner sozialen Randlage heraus zu entwickeln

Den Architekten Klaus Kirsten kennen nur die wenigsten - seine Biographie ist schwer zu rekonstruieren. Die von ihm gebauten Projekte sind kaum bekannt. Hingegen sind die Erweiterungs- und Ergänzungsbauten der Fabrik "Rotaprint" in Berlin-Wedding, die er als junger Architekt in den 1950er Jahren realisierte, umso bemerkenswerter. "Gerade die Architektur dieser Gebäude hat uns dazu inspiriert, uns hier dauerhaft zu engagieren", sagt Daniela Brahm, Gesellschafterin der "Ex-Rotaprint"- gGmbH und zusammen mit Les Schliesser und Anna Schuster Mit-Initiatorin von ExRotaprint. Man sieht ihr auch nach acht Jahren noch die Begeisterung für diesen einzigartigen Standort an. Die 42-jährige Künstlerin hat ihr Atelier in einem der beiden Gebäudeteile aus den 50er Jahren. "Dieses Gebäude und der Eckbau an der Gottschedstraße sind wie ungleiche Zwillinge", findet Daniela Brahm. Das repräsentative Quergebäude hingegen, das durch seine riesige, rechteckige Glasfront beeindruckt, bietet sich für die Einbindung in die Öffentlichkeit geradezu an: "Hier könnten wir uns perspektivisch eine Art Kongresszentrum vorstellen", sagt Daniela Brahm mit einem Augenzwinkern. Ihr ist bewusst, dass die Sanierung der erhaltenen Fabrikgebäude nur langfristig vonstatten gehen kann: "Hier soll etwas Dauerhaftes passieren. Die Leute, die sich - es ist keine Bildbeschreibung verfügbar -hier engagieren, wollen in Berlin etwas aufbauen, was funktioniert."

Die einzigartige Architektur der Fabrik, die außerdem noch Bauten aus der Vorkriegszeit umfasst, aber keine Fertigungshallen mehr, ist ein wichtiger Anziehungspunkt, um Außenstehende für das gesamte Projekt zu begeistern. Trotzdem soll auf das Umfeld, ein extrem schwieriger Kiez, Rücksicht genommen werden – anders als es Immobilienspekulanten für gewöhnlich tun: "Wir wollen den Standort hier nicht überrollen und ihm etwas Fremdes überstülpen"; erklärt Brahm. "Daher haben wir hier zu je einem Drittel eine Nutzung durch soziale Träger, Gewerbe und Kulturwirtschaft. Schon 90 % der Flächen sind vermietet." Das typische Weddinger Kleingewerbe soll auf diese Art integriert und nicht verdrängt werden. Daniela Brahm selbst hat "ihren" Verdrängungsprozess ab 1990 in Berlin-Mitte erlebt: "Da ist es mir später fremd geworden", sagt sie, "als Künstler haben wir uns durch unsere Vorarbeit selbst hinausgetrieben." Die so genannte Gentrifizierung droht dem Gebiet rund um den Nettelbeckplatz zwar nicht im gleichen Maße, aber die ersten Luxus-Dachgeschosse kann man schon von der obersten Etage des Fabrikgebäudes sehen, erklärt Brahm. Sie kennt diesen Kiez seit fast einem Jahrzehnt und ist sich bewusst, dass ExRotaprint auch eine Strahlkraft für den Kiez besitzen kann: "Man macht letztlich immer mit bei der Aufwertung eines Viertels – aber dieser Kiez kann das gut gebrauchen!"

- es ist keine Bildbeschreibung verfügbar -Mit der Übernahme der Fabrik im September 2007 durch die "ExRotaprint gGmbH" ist ein Signal gegen Immobilienspekulation gesetzt worden. Um zu verhindern, dass das gesamte Gelände vom Liegenschaftsfonds an einen Investor verkauft wird, taten sich einige der damaligen Mieter zusammen. Sie wollten der Perspektivlosigkeit der Rotaprint-Fabrik etwas entgegensetzen. Nach intensiven Diskussionen einigten sie sich auf die Rechtsform einer nicht-gewinnorientierten gemeinnützigen GmbH. Für den Grundstückskauf wurden zwei Stiftungen gefunden, deren Zielsetzung es ist, sich gegen die Spekulation mit Grund und Boden zu richten und Alternativen zu fördern.Mit den Stiftungen hat die ExRotaprint gGmbH einen 99-jährigen Erbbaupachtvertrag geschlossen und ist somit alleinveranwortliche Betreiberin des Geländes.

"Diese Art der Finanzierung passt zu unserer Idee einer behutsamen Entwicklung des Kiezes. Wir Mieter hätten - es ist keine Bildbeschreibung verfügbar -die Arbeitsplätze ohnehin irgendwo gebraucht", meint Daniela Brahm. "Dass wir aber gerade hier bleiben und alles langfristig gestalten können, darin liegt für uns der wirkliche Profit." Der entscheidende Vorteil für "ExRotaprint": statt sich für den Grundstückskauf zu verschulden, können die Mieteinnahmen und Kredite nun für die dringend benötigte, behutsame Gebäudesanierung verwendet werden. "Es ist ja so, dass die 50er-Jahre-Bauten nur aus Beton, Glas und Stahl bestehen und dadurch sehr energieintensiv sind", erklärt Brahm die heutige bauliche Situation einiger Gebäudeteile.


Schon beim Tag des Offenen Denkmals 2007, als die Architektur der Nachkriegsmoderne im Mittelpunkt stand, fanden sich erstmals zahlreiche Besucher zu den von Daniela Brahm und dem Architekten Bernhard Hummel geführten Besichtigungstouren in der Fabrik ein. Auch 2008 fanden viele Interessierte den Weg auf das Rotaprint-Gelände. Das beweist für Daniela Brahm, was die Fabrik so attraktiv macht: "Die Architektur gibt uns die Energie für dieses Projekt, und deswegen haben wir's gewagt!"

Autor: Joachim Faust


 
Weiterführende Links: www.exrotaprint.de

Bericht in der Berliner Zeitung über ExRotaprint

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Kommentare

04.03.2018

Heratsch

In Berlin -Wedding habe ich 1978 einen Lehrgang
bei Rotaprint absolviert miot Erfolg.
1981 zog ich nach Paraguay-Asuncion.