Unsicherheitsfaktor Natur - Die Beteiligungswerkstätten im November 2008

von Ralf Hertsch am 26.09.2009

Wie versucht wird, Anwohner mit Beteiligungswerkstätten am 19.11. und 20.11.08 über die anstehende Panke-Renaturierung zu informieren und einzubinden

Am Hochwasserrückhaltebecken westlich der Wollankstraße ist eine Aue entstanden, die Panke windet sich kurvenreich. Kinder spielen an einem Metallsteg am plätschernden Fluss, an dessen Ufer mit einer Pumpe Wasser auf den benachbarten Spielplatz gepumpt wird. Kein Traum aus einer anderen Zeit – vielmehr stellen sich die in einer Arbeitsgemeinschaft namens "Panke 2015" zusammengeschlossenen Planer und Behördenmitarbeiter so die nahe Zukunft des Flusses vor.

Planung in trockenen Tüchern?

Bei den zweiten Beteiligungswerkstätten in Mitte und Pankow wurde der interessierten Öffentlichkeit vorgestellt, was die Planer für die nächsten Jahre vorhaben. "Wir sind zwar noch in der konzeptionellen Phase des Projekts", erklärt Matthias Rehfeld-Klein von der Senatsverwaltung für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz, die die Planung für die Renaturierung der Panke auf Berliner Gebiet verantwortet, "jetzt kann man aber sagen, dass das Konzept auf breiten Schultern ruht."

Aktive Mitarbeit in der Arbeitsgruppe

- es ist keine Bildbeschreibung verfügbar -Beide Veranstaltungsorte in Bildungseinrichtungen holen sowohl Planer als auch Anwohner im wahrsten Wortsinn auf die Schulbank zurück. Für die Senatsverwaltung ist diese Form der Anwohnerbeteiligung Neuland. Das Programm beschränkt sich aber nicht auf Präsentationen: In kleinen Arbeitsgruppen werden den Teilnehmern die einzelnen Planungen vorgestellt und anschließend zur Diskussion freigegeben. Dabei sollen die Anwohner auf die inzwischen ausgearbeiteten Vorstellungen der Planer reagieren. "Was passiert mit den schönen alten Bäumen auf der Mittelinsel auf der Höhe des Luisenbads?" fragt sich Birgit Bogner, die schon einmal eine Stadtsafari mit der Biologin Ulrike Willerding an dieser Stelle organisiert hat und einen Verlust dieses naturnahen Abschnitts in der heutigen Form fürchtet. Dort ist nämlich eine Auenlandschaft mit kleinen Mäandern geplant, genau wie an der Pankemündung in den Nordhafen und im Schlosspark Schönhausen. Ob mit der Renaturierung nicht auch in wertvolle Wiesenlandschaften eingegriffen wird, gibt ein anderer Teilnehmer zu bedenken.

Was an Maßnahmen möglich ist

Der Landschaftsökologe Uli Christmann erläutert, dass auch an anderen Stellen Veränderungen angedacht sind, an denen wenig Platz zur Verfügung steht : "Kleinräumig kann viel durch eine einseitige Profilaufweitung erreicht werden", erklärt der Planer. Dies heißt im Klartext, dass 0die Böschung um drei bis fünf Meter verflacht wird. Die Spundwände in der Panke sollen verschwinden, um einen Gewässerrandstreifen entstehen zu lassen. Bei den Abschnitten mit beidseitigen Uferwänden, wie z.B. an der Gropiusstraße in Gesundbrunnen, kann mit Vorschüttungen und Ablage von Totholz auch eine ökologische Aufwertung erreicht werden. Dass die Panke "durchgängig" gemacht wird – also keine Wehre und Abstürze mehr haben wird – soll ebenfalls dazu beitragen, dass sich Fische und Pflanzen im ganzen Gewässer ansiedeln können.

- es ist keine Bildbeschreibung verfügbar -Uli Christmann erläutert die Planung in der PauseWie das genau aussehen kann, hat zuvor Jochen Kail von einem der beteiligten Landschaftsplanungsbüros in seinem Vortrag dargestellt. "Die Häufigkeit von Fischen, Wirbellosen und Wasserpflanzen macht den ökologischen Zustand eines Gewässers aus", erklärt Kail. Selbst für den oberflächlichen Betrachter liegt auf der Hand, dass es in der Panke heute an genau diesem Lebensraum fehlt: "Fische benötigen Flachwasser und Unterstände wie Totholz, während für Algen Sande wichtig sind." Diese Bereiche müssen vor allem im Unterlauf bei der Panke neu angelegt werden: "Der Sohlverbau muss modifiziert und der Uferverbau entfernt werden", erklärt Kail. Das bedeutet, dass Beton und Steine aus der Panke und ihren Ufern verschwinden.

Besonders im Bezirk Pankow ist ein neuer Gewässerverlauf der Panke geplant: so soll die Panke in den Pölnitzwiesen an der Landesgrenze zu Brandenburg sogar auf die andere Seite des Pankewegs verlegt werden. Hier konnten sich die Teilnehmer der Bucher Beteiligungswerkstatt mit weit reichenden Umgestaltungen auseinandersetzen. Dass dort angesichts der Lage an der Peripherie Berlins häufig auch Eigentümer der Anrainergrundstücke eine Rolle spielen, bot Anlass zu intensiven Diskussionen.

"Bis der erste natürliche Mäander entsteht, können 150 Jahre vergehen." So erklärt Landschaftsplaner Ralf Wegner in seinem Vortrag, weshalb es nicht ausreicht, dem Fluss einfach freien Lauf zu lassen. Er fasst in einem Satz zusammen, dass für die Renaturierung der Panke ein großer Aufwand erforderlich ist: "Es ist jetzt ein baulicher Anschub nötig, den die Panke auch verdient hat!"

Unwägbarkeiten in der Zukunft

Die Realität setzt dem Freiraum der Planer indes Grenzen: Die Verlegung von Straßen und Wegen ist aus Kostengründen nicht möglich, und an zahlreichen Stellen ist am Fluss überhaupt kein Eingriff geplant. "Es ist der Wechsel von großen und kleinen Maßnahmen, der insgesamt zu einer höheren ökologischen Qualität führen soll", antwortet Uli Christmann in seiner Arbeitsgruppe auf die Frage, ob der von der EU-Wasserrahmenrichtlinie geforderte Endzustand auf diese Weise überhaupt erreicht werden kann. Weitere Unsicherheitsfaktoren können sich außerdem der Planung in den Weg stellen. Die Kostenschätzung steht noch aus, und welche Ausgaben im zukünftigen Landeshaushalt abgesichert werden, wird erst das nächste Jahr zeigen. "Es erscheint paradox", so führt Matthias Rehfeld-Klein zu diesem Thema aus, "aber das Projekt muss auch eine Umweltverträglichkeitsprüfung überstehen".

Bis zum Planfeststellungsverfahren mit erneuter Bürgerbeteiligung ist es also noch ein weiter Weg. Hundertprozentige Sicherheit kann es auch dann nicht geben, wenn alle planerischen und finanziellen Hürden überwunden sind: das Funktionieren der Maßnahmen kann man nicht immer planen.

Autoren: Joachim Faust / Martin Riewestahl

Neuere Themen:

Sogar zwischen den Pflasterritzen ist Natur

Bericht über die Stadtsafari mit Ulrike Willerding

Pankower Panke-Anlieger im Zwiespalt

Bericht über eine Informationsveranstaltung für Anwohner angesichts der in Pankow bevorstehenden Baumaßnahmen an der Panke

Der 4. Tag der Panke: Mit der Panke meint man es ernst

Bericht über den Tag der Panke am 24.11.09 im Rathaus Pankow

Ältere Themen:

Anwohner gefragt - Die Beteiligungswerkstätten im Juli 2008

Bericht über die Beteiligungswerkstatt der Senatsverwaltung in einer Oberschule in Berlin-Wedding

Zurück