Die Rieselfelder - gestern und heute

Eine Skulptur mit dem Speicher im HintergrundViele Jahrzehnte wurden die Berliner Abwässer über große Flächen im Umland "verrieselt". Die Idee dazu hatte der Berliner Baurat James Hobrecht, dem die Seuchengefahr des in Berlin anfallenden Abwassers ein Dorn im Auge war. Also wurde in Berlin eine Kanalisation angelegt (und nebenbei auch ein Erweiterungsplan umgesetzt, der lange Bestand hatte und das Berliner Stadtbild bis heute prägt). An den tiefsten Punkten der Stadt wurden die Abwässer aus der Kanalisation gesammelt und mit Hilfe von Pumpwerken (Radialsystemen) ins Umland gepumpt. Dort waren von der Stadt Berlin riesige Flächen erworben, gerodet und parzelliert worden: die Rieselfelder. Allein das Rieselgebiet westlich der Panke umfasste 4000 Hektar Land. In der Mitte der Rieselfeldanlage endete das Standrohr, wo ein Rieselwärter das Abwasser auf die Felder verteilte. Das Besondere an der Idee der Verrieselung war, dass die Abwässer nicht nur durch den Boden gefiltert, sondern gleichzeitg auch als Dünger für die auf den sandigen Böden wenig ertragreiche Landwirtschaft verwendet wurden. Daher entstanden ausgedehnte Güter rund um die Rieselfelder. Das nach dem Erfinder des Systems Hobrechtsfelde benannte Gut legt noch heute ein eindrucksvolles Zeugnis dieser Zeit ab. Hier gab es nicht nur Obst- und Gemüsebau, sondern auch Futtergrasflächen.

 

 

 

- es ist keine Bildbeschreibung verfügbar -Als sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch die Einleitung immer stärker verschmutzter Industrieabwässer Schadstoffe in den Böden anreicherten, gelangte immer mehr Abwasser zurück in das Flusssystem Panke. Auch die Vergrößerung der zuvor kleinteiligen Rieseltafeln in größere Einheiten, wodurch die Flächen permanent unter Wasser gesetzt wurden, führten dazu, dass sich die Rieselfelder immer weniger für die landwirtschaftliche Nutzung eigneten. Durch die Inbetriebnahme von Klärwerken entfiel im Laufe der 1980er Jahre die Notwendigkeit der Verrieselung, und ab 1987 begann man die Rieselfelder durch Baumpflanzungen in eine Erholungsfläche zu verwandeln. Mit dem plötzlichen Wegfall der riesigen Wassermengen ab 1985 herrschte in den Rieselfeldern Wassermangel und der Grundwasserspiegel sank ab. Dies erschwert bis heute die Aufforstung des Geländes.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

- es ist keine Bildbeschreibung verfügbar -Im Rahmen einer landschaftsplanerischen Gesamtkonzeption versucht man heute, Naturschutz, die Erholungsfunktion des Gebietes und die Bewirtschaftung miteinander zu verbinden:

So ist im Hobrechtswald die Technik der Rieselfelder wieder erlebbar geworden: Mit einigen Reinigungsteichen wird heute wieder versucht, das trocken gefallene Gebiet mit täglich 6000 m3 vorgeklärtem Wasser wiederzubewässern und Feuchtgebiete zu erhalten. Am großen Teich befindet sich ein Aussichtsplateau mit Informationstafeln. Von dort kann ein etwa 3 km langer Rieselrundweg abgelaufen werden, der mit markanten Rohrskulpturen gekennzeichnet ist. Die noch erhaltenen Gebäude des Rieselgutes wurden ebenfalls in die Gestaltung dieser einmaligen Landschaft einbezogen. So wurden die bunt bemalten Betonpfeiler der Feldscheune mit Holzskulpturen versehen und in "Rosas Rollschuhbahn" benannt. Der quadratische Kornspeicher mit seinem leuchtend roten Dach ist das weithin sichtbare Wahrzeichen der Siedlung Hobrechtsfelde. Es blieben außerdem einzelne Rieselfeldstrukturen, ein Rieselwärterhäuschen und das Standrohr erhalten. Auf dem Gorinseeweg wurden Dutzende von Steinskulpturen in die Landschaft gestellt, die während des Bildhauersymposiums "Steine ohne Grenzen" geschaffen worden sind.

 

Im Hobrechtswald versucht man mit einer eigenen Methode, die schadstoffbelasteten Flächen zu sanieren. Beim so genannten Bucher Verfahren werden 30 cm dicke Lehmschichten aufgebracht und nach einer Ruhezeit von einigen Monaten in die Erde eingefräst. Dadurch werden die Schadstoffe an die Tonminerale gebunden. Für einen Hektar Rieselfeld werden 6000 Tonnen Mergel benötigt.

- es ist keine Bildbeschreibung verfügbar -In dieser offenen Landschaft im Umbruch, die weder Wald noch Feld ist, können Vögel wie die Goldammer und der Neuntöter, aber auch Kröten und Eidechsen beobachtet werden. Die abwechslungsreiche Landschaft, die sowohl Wasserflächen, Waldgebiete und Offenland in ständigem Wechsel vereint, bietet auf eine besondere Art Erholung und die Möglichkeit zum "Durchatmen". Doch bei aller Naturschönheit darf nicht vergessen werden, dass diese Landschaft durch menschliche Einflüsse stark gestört, und in ihrem Erscheinungsbild durch den Menschen überhaupt erst entstanden ist.