Schreibwerkstatt 8.9.2009

Gute Panke,

schon einmal, erinnerst du dich noch , hab ich über dich geschrieben. Damals, als sie dich neu herausgeputzt haben. Richtig euphorisch war ich damals. Warst du es auch? Wahrscheinlich warst du etwas klüger und wußtest, wie schnell der normale Alltag sich wieder breit machen würde.

Heute möchte ich dir aber von all dem Leben an deinem Ufer erzählen. Die weißen Rosen blühen noch. Obwohl auch sie gelegentlich um`s Überleben kämpfen. Siehst du auch die herrlichen Tannen, Weiden und Linden? Wie stolz sie da stehen. Abgehoben im wahrsten Sinne, fast ein wenig arrogant wie sie das “niedere” Leben um sich herum von oben betrachten, als ginge es sie gar nichts an. Aber sieh', wilder Hopfen rankt an ihnen empor und droht sie zu ersticken. Sie wehren sich so gut sie können. Fliehen mit ihren Ästen, als streckten sie die Arme um Hilfe aus, tragen den Kopf immer höher. Aber man spürt bereits ihre Angst. Sie, die über Jahrhunderte Angebeteten, Besungenen, Geheiligten. Deren selbst toter Leib noch zu etwas Mystischem wurde. Wie sollen sie verstehen, dass letztendlich doch nicht sie es sind, die das Leben bewahren und weitergeben. Sondern das wilde, ungezügelte, respektlose-. Lächle nicht. Du weißt natürlich, wie schnell man versandet, wenn man allzu lange gemächlich ohne Wirbel und Stromschnellen, ohne neue Zuflüsse, in sich selbst verliebt dahinfließt. Aber sie, nun hören sie ganz neue Sprachen, fremde Lieder und Musik. Wußtest du, dass nun auch der Koran unter ihren Blättern gelesen wird? Da staunst du, was?

Kinderlachen kannst du hören. Voll Lebensfreude oder in ihrem Spiel vertieft. Erwachsene genießen die Stille, die aus deinem Atem zu ihnen weht, während sie in Gedanken versunken zu dir niedersehen.

Da und dort ist eine Bank von einem einzelnen, einsamen  Besucher besetzt. Die Augen müde, der Blick leer, wie eingesponnen von unsichtbaren Lianen. Ohne Kraft, sich zu wehren. Wogegen auch immer.

Langsam beginnt es zu dämmern. Rentner sitzen da und betrachten dich. Sehen wohl ihr eigenes Leben in deinem Lauf. Ist es Trost, ist es Auflehnung?

Die Nacht bricht herein. Zwei Frauen, es könnten Mutter und Tochter sein, beide angetrunken, gehen an dir entlang. Die jüngere der beiden stößt plötzlich einen Schrei aus. Dann noch einen. Zwei  Schreie. So voll Wut und Hoffnungslosigkeit, dass einem die Tränen kommen möchten. Liebe Panke, du hast doch sicher schon gesehen, wie sich Hunde und Katzen helfen, wenn sie etwas absolut  Unverdauliches im Magen haben. Sie fressen Gras, um es darin einzuwickeln und unter Gewürge auszukotzen. Nun, deren Gras war wohl der Alkohol, in dem sie ihr Unertägliches umwickelten, um es in diesem schrecklichen Schrei von sich zu geben.

Liebespaare kommen. Zeit für mich zu gehen. Aber sag mir noch, du brauchst es nur zu flüstern, wie viele haben ihr Leben an deinen Ufern schon empfangen? Nun gut, ich verstehe, du willst es für dich behalten. Aber es gibt wohl auch keinen schöneren Ort dafür als das Ufer eines Flusses, in den nachts die Sterne vom Himmel steigen, um sich darin zu baden.

Tschüß gute Panke, auf ein andermal.

Text: Maria Meyer

 

Lust, selbst zu schreiben? Dann kommen Sie immer dienstags in die Schreibwerkstatt im Forum Soldiner Kiez, Prinzenallee 45 c, Berlin-Gesundbrunnen, ab 19.00 Uhr.