Liebe kleine Panke

Richard Lemke: Liebe kleine PankeDieses schmale Büchlein von Richard Lemke über die Panke erschien 1955 im Kulturbuch-Verlag in Berlin.

Die Zeichnungen wurden von Friedrich Dreyer gefertigt.

Viel Spaß beim Lesen!

Die Entdeckung der Panke-Quelle

Jahrhundertelang hat man nach den Quellen des Nils gesucht. Kühne Männer haben Expeditionen unternommen, haben mit den Gefahren der Wildnis und mit kriegerischen Eingeborenenstämmen gekämpft und sind doch den Geheimnissen des Ursprungs dieses großen Stroms nur Schritt um Schritt nähergekommen.

Erst nach der Mitte des vergangenen Jahrhunderts (1863) gelang es den Engländern John Hanning Speke und James Augustus Grant, den Viktoriasee als Abflußbecken des Nils festzustellen. Und gar erst 1892 konnte der österreicher Baumann nachweisen, daß die dem Viktoriasee zuströmenden mittelafrikanischen Quellflüsse des Kagera: Ruwuwu, Njawarongo und Akanjaru als die eigentlichen Ursprünge des Vaters Nil zu betrachten sind. Die Kagera-Quelle selber erreichte 1901 der Deutsche Richard Kandt.

Seltsam aufregend und unheimlich klangen mir diese Flußnamen, wenn ich mit glühenden Wangen von den Fahrten und Abenteuern jener wagemutigen Forscher las, die der Entdeckung der Nilquellen ihr entsagungsreiches Leben gewidmet hatten.

Warum ich das erzähle? Weil ich mir ebenfalls die Entdeckung einer Quelle zum Ziel gesetzt hatte. Man wird allerdings mit den Jahren in seinen Plänen und Wünschen bescheidener und führt die himmelstürmenden Phantasien und Träume der Jugend auf ein realisierbares Maß zurück. So beschränkte sich mein Forschungsbedürfnis auf die Feststellung und Festlegung der Quelle der Panke, die in genügsamer und friedlicher Weise ihr Wässerlein der Spree zuführt.

Ich werde Spott ernten, im besten Falle vielleicht ein nachsichtiges Lächeln wegen des etwas gewaltsamen Vergleichs von Nil und Panke. Man urteile nicht vorschnell! Wenn ich vorher gewußt hätte, wieviel Mühsal und Arbeit, wieviele Umfragen und Wandergänge diese von mir zunächst für ein Kinderspiel angesehene Aufgabe mir stellen würde, hätte ich mich vielleicht anders besonnen.

Es fing gleich so merkwürdig, eigentlich recht lustig an. Ich begann, meine Fühler auszustrecken und Erkundigungen nach dem Ursprung des Pankeflüßchens einzuziehen. Zwar wußte ich, daß es nördlich von Bernau, dicht vor der Stadt entspringen sollte, aber ich hoffte, Genaueres zu erfahren.

Meine Frage nach dem Quellpunkt richtete ich an etwa 20 Berliner und Berlinerinnen. Das Ergebnis war erstaunlich. Achtzehn der Befragten sahen mich verlegen lächelnd oder verständnislos an, zuckten die Achseln und sagten gar nichts oder höchstens, daß sie es nicht wüßten. Der Neunzehnte meinte: "In der Uckermark." Und der Zwanzigste (oder war es "die" Zwanzigste?) erklärte mit Bestimmtheit: "Auf dem Fläming!" Mein Einwand, daß die Panke dann doch, als von Süden her kommend, unter der Spree hindurchfließen müßte, in die sie sich ja bekanntlich von Norden her ergießt, wurde mit einer energischen Handbewegung und mit den Worten abgetan: "Warum fragen Sie mich, wenn Sie's doch besser wissen?"
Man soll sich im Besitz angeblichen Besserwissens nicht über seine Mitmenschen erhaben dünken. Als ich später zu lesen bekam, daß die Spree in grauer Vorzeit ein Nebenfluß der Panke gewesen sei, mußte ich diesem Fläminggläubigen ein klein wenig Abbitte tun. Es ereignen sich im Ablauf des Naturgeschehens die seltsamsten Dinge. Da ist also zur Eiszeit und auch noch lange danach die Panke ein strudelführender, ja reißender Gletscherabfluß gewesen, worauf ja schon der Name hinweist. Denn Panke oder Pankowe, ein slawisches Wort, heißt: "Fluß mit Strudeln".

Die Nil-Quellen

Diese eiszeitliche Panke entströmte dem Gletscher, der über dem Barnim lagerte, und führte ihr Wasser durch die Kette der Rinnenseen, die uns heute noch aus jener Zeit erhalten geblieben sind: Lietzensee, Haiensee, Grunewaldsee, Krumme Lanke, Schlachtensee bis zum Wannsee. Sie nahm die Spree, die schon in ihrem heutigen Talbett floß, von links her als Nebenfluß auf. Heut ist es umgekehrt. Die Spree ist der mächtigere Fluß geworden. Das Warschau-Berliner Urstromtal, das von ihr benutzt wird, hat sich nach Westen einen Weg gebahnt und damit der Panke den Lauf abgeschnitten, die nun, ein Bächlein nur, von rechts her in sie einmündet. Ja, die Eiszeit hatte es in sich.

Auf nach Bernau!

War meinen Forschungen in Berlin kein zufriedenstellendes Ergebnis beschieden gewesen, so mußte es doch zweifellos in Bernau, das der Pankequelle näherlag, besser damit bestellt sein. Also auf nach Bernau!

Eines schönen Sommertages bestieg ich am Stettiner Vorortbahnhof den Zug. Zu meiner Verwunderung wurde die Stredte bald eingleisig. Das zweite Gleis war abmontiert. Aber dann fiel mir ein, daß diese Linie ja in die russische Besatzungszone führte. Es war also alles in bester Ordnung!

Energiegeladen kam ich in Bernau an. Ich war voller Hoffnung und glaubte, das Ziel meiner Wünsche, wenn nicht ganz, so doch annähernd zu erreichen. Darum stürzte ich mich sofort, nachdem ich das Bahnhofsgebäude verlassen hatte, auf den vor ihm stehenden Polizeibeamten und legte ihm die Frage nach der gesuchten Quelle vor. Das Auge des Gesetzes sah mich nicht gerade streng, aber doch ernsthaft und durchdringend an. "Ich bin erst kurze Zeit hier in Bernau", sagte der Polizist schließlich. "Ich weiß in der Umgegend nicht Bescheid."

Die Panke-Quellen

Ich dankte und ging weiter. Als ich mich nach einigen Schritten umwandte, bemerkte ich, daß mir der Beamte argwöhnisch nachsah. Ein Mann, der so außergewöhnliche Fragen stellte, mußte ihm verdächtig vorkommen. Wie, wenn ich nun einen Sabotageakt plante? Vielleicht beabsichtigte ich, mich mit beiden Füßen auf die winzige Quelle zu stellen, um sie zum Versiegen zu bringen! Was passiert heutzutage nicht alles! Was würde dann die Panke weiter abwärts, etwa im Schloßpark von Buch, wo sie so munter dahinfließt, dazu sagen? Müßte sie sich nicht erschrocken umdrehen und fragend nach hinten blicken? "Wo bleibe ich denn?" würde sie ausrufen. "Was ist nur aus meiner Quelle geworden? Jeder anständige Fluß und Bach hat seine Quelle. Und ich soll plötzlich keine mehr haben?"

Wahrscheinlich mute ich der Phantasie des Polizisten zuviel zu, wenn ich ihm solcherlei Gedanken unterschiebe. Im Dienst gilt die Sachlidtkeit und nicht das Gaukelspiel phantasiebunter Einfälle. Ich ging also weiter und fragte im ersten besten Geschäft nach der Pankequelle. Hier kam ich dem Kern der Sache schon näher.

"Gehen Sie nur durchs Königstor hinaus geradezu zur Waschspüle oder vielmehr zu der Stelle, wo sie sich früher befand. Rechts nach der zweiten Querstraße. Und danach gehen Sie in die Wiesen, die dahinter liegen. Wenn's unter den Füßen naß wird, haben Sie's gefunden."

Ich folgte dem Rat. Aber es wollte nicht naß werden unterwärts. Es blieb alles mords trocken. Vielleicht lag das an dem außerordentlich heißen und schon seit langer Zeit dürren Sommer. Ich machte unverrichteter Sache kehrt und fuhr entmutigt nach Haus.

Der nächste Tag sah mich wieder in Bernau. Diesmal hatte ich mich besser vorbereitet. Eine Karte im Maßstab 1:50000 hatte ich gründlich studiert und trug sie bei mir. Mit ihrer Hilfe gelangte ich wieder in die Wiesen, diesmal aber in die Wiesen an der Eberswalder Landstraße. Ich folgte einem ausgetrodmeten Graben, der wohl ein Bachbett sein konnte.

Dort fragte ich einen Mann, der im Felde arbeitete, nach der Quelle. Er sah mich verständnislos an und schüttelte den Kopf. Dann legte ich - einige Schritte weiter - dieselbe Frage einer Frau vor, die Raupen von ihren Kohlköpfen absammelte. Sie nickte. Wie erfreulich! Ich schöpfte Hoffnung. Sie machte eine weit ausladende Armbewegung, deutete in die Ferne und sagte: "Dahinten in die Krähenberge!"

"Und wo sind die?" fragte ich weiter, denn ich konnte in der weiten Wiesenebene nichts berg- oder auch nur hügelähnliches entdecken.

"Da, wo die Heide ist, bei die Kuscheln!"

Da sie sich wieder ihrer nützlidten Arbeit zuwandte, vermied ich weitere Störungen und ging in der angedeuteten Richtung vorwärts. So gelangte ich schließlich an den Bahndamm der Stettiner Bahn, wo der ausgetrocknete Graben sein Ende fand.

Auf dem Kriegspfad der Komantschen

Wie ein nochmaliges Studium der Karte ergab, konnte es hier richtig sein. Hier mußte die Panke entspringen, wenigstens dann, wenn es weniger trockene Sommerzeit war. Ich brauchte nicht zu befürchten, ihr das Lebenslicht auszublasen, wenn ich etwa zufällig auf sie trat. Sie hatte sich von selbst verkrochen. So wandelte ich, nicht ganz zufrieden mit dem Ergebnis meiner Forschungen, wieder zurück auf Bernau zu.

Ich war in Gedanken versunken und merkte erst im letzten Augenblick, daß ich einer Horde schweifender Komantsdten, die sich nach der Bemalung zu urteilen auf dem Kriegspfad befand, in die Arme lief. Ihr Häuptling - ich schätzte ihn auf zwölf Jahre - trat mir mit drohender Miene entgegen. Eine Wäscheleine, die er als Lasso um die nackte Brust gewunden hatte, und ein Kopfschmuck aus Federn verstärkten den kriegerischen Eindruck, den er ohnehin schon machte.

"Wenn das Bleichgesicht die Prärie hier betritt, muß es am Marterpfahl sterben!"

"Ich bin ein Freund von Old Shatterhand", erwiderte ich. "Vor einem stinkigen Komantschenhund fürchte ich mich nicht!"

Darauf schlossen wir Freundschaft. Glücklicherweise kam der Häuptling nicht auf den Gedanken, die Friedenspfeife rauchen zu wollen, sonst hätte ich meine letzte Zigarette opfern müssen. Er schien auch noch nicht in dem Alter zu sein, in dem das Rauchen ehrliches Vergnügen macht. Bald erwies es sich, daß ich eine überaus nutzbringende Bekanntschaft gemacht hatte. Der Knabe fragte - noch im Tone des Indianerhäuptlings - was ich hier zu suchen hätte.

"Die Pankequelle", antwortete ich gehorsam.

Da käme ich ja gerade her, meinte er. Und er wies auf den ausgetrockneten Graben, dem ich abwärts bis hierher gefolgt war. Das sei das Bett der jungen Panke.

"Die Quelle ist jetzt vertrocknet", fügte er hinzu. "Sie liegt dicht am Bahndamm, wo dieser Graben endet."

So war ich also richtig gegangen und hatte die Quelle des Nils - Verzeihung, der Panke entdeckt.

Ich erkundigte mich nach dem weiteren Verlauf des Bächleins. Auch hierüber bekam ich genaue Auskunft.

Bei den Bernauer Komantschen

"Erst hier weiter durch die Prärie bis zur Waschspüle. Die ist aber nicht mehr da. Es ist dort, wo die Pappeln stehen. Vor etwa zwanzig Jahren wurde sie zugeschüttet. Dann fließt die Panke in Röhren unter der Eberswalder Straße hindurch zum Elysium und geht vor dem Königstor wieder unter der Straße hinweg in die Gärten vor der Stadtmauer. Beim Amtsgericht kommt sie unter der Kaiserstraße hervor und fließt zum Bahndamm."

"Das werde ich wohl alles leicht finden. Wo ist die Kaiserstraße?"

"Ach so, die heißt jetzt Breitscheidstraße. Sie fängt gleich beim Bahnhof an. Aber", belehrte er mich weiter, "es gibt noch einen zweiten Quellfluß." Wahrhaftig, er sagte "Quellfluß"! - "Hinter der Bahn kommt er aus dem Badepuhl und zieht sich immer hinter der Bahn entlang, bis er sich mit der alten Panke vereinigt. Die kommt von der Kaiserstraße her auch unter dem Bahndamm durch." Er hatte sich nun doch für Kaiserstraße entschieden.

"Das ist nämlich", fuhr er fort, "daher gekommen mit der neuen Panke, daß das Bett verlegt wurde, als der Bahndamm und der Bahnhof vor Jahren hoch gelegt wurden."

Ich bedankte mich, und wir schieden in bestem Einvernehmen. Ich habe dann die Angaben des wackeren Indianerknaben geprüft, bin den Spuren der alten und dann der neuen Panke gefolgt und habe alles so gefunden, wie er es gesagt hatte.

An der Kaiser - Breitscheidstraße traf ich an der bezeichneten Stelle die alte Panke, die aus Röhren unter dem Straßenpflaster hervorkam und nun sogar etwas Wasser führte. Der Durchlaß unter der Eisenbahn war mit eiserner Tür und Vorhängeschloß versperrt, und ein Schild trug die Aufschrift: "Unbefugten ist der Eintritt verboten". Als Forschungsreisender hätte ich mich wohl für "befugt" halten können, aber für das Knacken eiserner Vorhängeschlösser besaß ich nicht die genügende Einbrechertechnik. Darum begnügte ich mich damit, an der nächsten Bahnunterführung gefahrlos die andere Seite zu gewinnen und die Vereinigung der bei den Panken in Augenschein zu nehmen.

So hatte ich das Quellgebiet nunmehr erforscht. Am Rande des "Roten Feldes" oder - wie es bei anderen heißt - des "Ruthenfeldes" war sie entsprungen, das hatte mir der Komantsche noch verraten. Diesen Namen soll die Stätte behalten haben als Erinnerung an den Kampf der Bernauer mit den Hussiten, als das Blut in Strömen geflossen war und das ganze Feld rot gefärbt hatte. Das ist nun lange her, über 500 Jahre. Aber Namen und Überlieferungen haben eine erstaunliche Zähigkeit und überdauern oft Städte und ganze Reihen von Menschengeschlechtern.

Bier, Hussiten, Frösche und Mäuse

Im April 1432 waren die Hussiten, die schon Straußberg, Müncheberg und andere märkische Städte erobert und zerstört hatten, vor Bernau erschienen. Die Mauern der Stadt waren hoch und fest. Fester noch war der Mut ihrer Bürger und vor allem ihrer Bürgerinnen. Auf die anrennenden Feinde gossen sie von den Zinnen des Mauerumganges heißen Brei - wohl Treberflüssigkeit aus den vielen Brauhäusern der Stadt - hinab und schlugen dadurch alle Angriffe der Hussiten zurück. Noch heute kennt jedes Bernauer Kind den alten Spruch:

Der Bernau'sche heiße Brei
Macht die Mark hussitenfrei.

Gönnen wir den Bernauern den Stolz auf ihre Vorfahren. Sie haben sich tapfer genug geschlagen. In Wahrheit brachte die endgültige Befreiung Bernaus und der Mark der Kurprinz von Brandenburg, der spätere Kurfürst Friedrich Eisenzahn, der mit einigen Tausend gepanzerter Reiter rechtzeitig zum Entsatz der Stadt herbeieilte und, unterstützt von den Bernauern, die einen energischen Ausfall aus der Stadt machten, die Hussiten auf eben jenem Roten Felde so gründlich besiegte, daß sie das Wiederkommen vergaßen. So geschehen am 23. April 1432.

Wie geschickt man im Mittelalter die örtlichen Gegebenheiten für die Verteidigung einer Stadt auszunutzen verstand, davon können wir uns heute noch einen Begriff machen, wenn wir das Gelände vor der alten Stadtmauer im Südosten betrachten. Diese ist genau dort errichtet worden, wo das Sumpfgebiet der Panke in den höher gelegenen Diluvialboden, auf dem die Stadt gebaut war, überging. Wir müssen annehmen, daß das Sumpfland, ein ausgedehntes Erlenbruch, kaum betretbar war und in Kriegszeiten durch Aufstauen der Panke völlig ungangbar gemacht werden konnte. Von dieser Seite her drohte der Stadt daher kein Angriff. In der Tat kamen die Hussiten auch von Norden und Nordosten an die Mauern heran.

Die Anfänge der Stadtsiedlung, die der Sage nach auf das 11. Jahrhundert zurückgehen sollen, lagen an der Stelle, an der sich später die wuchtige Marienkirche erhob. Hier befand sich bereits eine slawische Niederlassung, die dann in der Stadt aufging. Es spricht viel dafür, daß der Name Bernau sich aus dieser Siedlung herleitet, denn das slawische Wort Brno bedeutet "Sumpf" und würde damit eine durchaus passende Bezeichnung für den Ort gewesen sein.

Ganz bestimmt hat der Name Bernau nichts mit einem Bären zu tun, den man in mißverstandener Wortableitung zum Wappentier der Stadt erwählt hat. Aber damit steht Bernau ja nicht allein da. Hat es etwa die große Nachbarstadt Berlin anders oder besser gemacht? Auch das Wort Berlin hat keinerlei Beziehung zu einem Bären, und wenn es deren zehn im Wappen hätte.

Die Hussiten von Bernau

Auch Berlin scheint seinen Namen einem slawischen Wort zu verdanken. Berlin ist soviel wie Schwelle, Stufe. "to dem Berlin", wie es früher immer genannt wurde, heißt also "an oder bei der Stufe". Gemeint könnte die Stufe, das Abbrechen des Spreebettes gerade an der Stelle sein, an der die älteste Siedlung entstand. Nämlich an der Stelle des bequemsten und kürzesten Spreeübergangs in einer sonst völlig versumpften Flußaue. Dies ist die Stelle des heutigen Mühlendammes. Und gerade hier befindet sich auch jetzt immer noch die Stufe im Flußbett der Spree, die mit Hilfe einer Schleuse überwunden werden muß. Sicher war sie in früheren Jahrhunderten deutlicher sichtbar als heut, machte sich vermutlich durch eine Strom­schnelle, ja einen kleinen Wasserfall bemerkbar und könnte so ganz zu Recht den Namen "an der Flußschwelle", "to dem Berlin" erhalten haben.

Immerhin sind Bären geeignetere und repräsentablere Wappenbilder als Sümpfe und Erdabbrüche, und so sollen sie als eine Art "pia fraus" ihre Berechtigung haben.

Dieser Pankesumpf war wie die meisten Sümpfe hierzulande ein Erlenbruch. Der Erle aber ist der Hopfen verschwistert, der wahrscheinlich die Pankeniederung weithin erfüllt haben wird. Wo aber Hopfen gedeiht, besonders, wenn er nicht nur wild wächst, sondern angebaut wird, gedeiht auch Bier. Und so dürfen wir uns nicht wundern, daß Bernau sich im Lauf der Jahre zu einer hochberühmten Bierstadt entwickelte.

Fast in jedem Haus wurde im Mittelalter gebraut. Im Jahre 1570 zählte man 146 bürgerliche Bräuhäuser; in der Kleinen Brauerstraße, jetzt Königstraße, gab es allein 17 Braustätten. Das Malz, das aus Gerste gewonnen wird, die bald neben dem Hopfen zur Hauptanbaupflanze Bernaus wurde, wurde in eigenen Wind- und Wassermühlen, besonders in der Malzmühle in Bernau-Süd, verschrotet. Daß das Bernauer Bier einen sehr guten Ruf genoß, geht schon daraus hervor, daß es seinen Weg durch ganz Deutschland nahm und über Hamburg bis nach Dänemark und Norwegen verfrachtet wurde. Natürlich wurde das Lager­ oder Einfachbier, das man in der Heimat trank, durch ein für den Export bedeutend stärker eingebrautes Bier ersetzt, und es wird ihm nachgesagt, daß es "ein ziemlich hitziges Bier" gewesen sei und "viele Dünste im Haupt" erzeugt habe.

1564 wurden 24400 Tonnen Bier gebraut, 1613 gar 30740 Tonnen, zu denen über 50000 Zentner Malz verwendet wurden. In Berlin schenkte man Bernauer Bier in 47 Gaststätten aus, und im Rathaus selbst befand sich der "Bernauische Bierkeller". Der Rat der Stadt Bernau war darum sehr besorgt, die Güte des Bieres auf steter Höhe zu halten. Er nahm alljährlich Bierproben vor, die im Ratskeller vor sich gingen. Das neu gebraute Bier wurde auf die Holzschemel, auf denen die Ratsherren Platz nahmen, gegossen, die Prüfer setzten sich mit ihren ledernen Hosen darauf und begannen einzuheizen. Wenn sie sich nach einiger Zeit erhoben, und die Schemel an ihren Hosenböden festklebten, waren alle hocherfreut und riefen jubelnd aus: "Das Bier klebt, das Bier ist gut!" Zahllos sind darum auch die Sagen, die sich um das Bernauer Bier und seine Güte gebildet haben.

Wie aber alles auf Erden einmal sein Ende findet, so waren auch die Tage des Bernauer Bieres gezählt, und kein Ruhm konnte seinen Niedergang aufhalten. Im Wettbewerb der Bierbrauereien, der mit den Jahren immer schärfer wurde, kamen neue Biere auf. Die alte nahrhafte Biersuppe wurde von den mehr und mehr bevorzugten Genußmitteln Kaffee, Tee, Kakao und auch Schnaps abgelöst. Die Kartoffel verdrängte den Bierbrei. Die Hopfengärten wichen dem Gemüseanbau. Das in Bayern sich rasch entwickelnde neue Brauverfahren, das das Braugewerbe alsbald zur Großindustrie werden ließ, tat ein übriges, und so ging es mit der Bernauer Bierbrauerei stetig abwärts, bis im Jahre 1909 das letzte Brauhaus seine Pforten schloß.

Noch einmal wurde zur 500 Jahrfeier der Hussitenschlacht und zur Feier der vor 700 Jahren erfolgten Gründung der Stadt im Jahre 1932 ein Bier "nach alten Rezepten" gebraut und an den Festtagen zum Ausschank gebracht. Ich will den Bierbrauern nicht weh tun. Das könnte ich schon deshalb nicht, weil ich ihre Stadt liebe. Ich habe dieses Bier probiert und habe, wie man merkt, die Probe überlebt. Sollte man bei der nächsten Hundertjahrfeier im Jahre 2032 wieder auf das "alte Rezept" zurückgreifen, so werde ich nicht mehr in die Verlegenheit kommen, die Probe wiederholen zu müssen, es müßte denn sein, daß ich 150 Jahre alt werde. Das ist unwahrscheinlich. Und so sind das Hussitenbier und ich voreinander sicher.

Aber die Panke und ihr Sumpf lassen mich noch nicht los. Sie lenken meine Erinnerung noch auf etwas anderes. Im Sumpf leben bekanntlich viele Frösche. Auf der Höhe, wo die Getreidefelder stehen, sammeln sich die Mäuse. Sei es nun, daß die Frösche aus dem Sumpf hinaufzogen auf die Höhe, sei es, daß die Mäuse talwärts marschierten gegen die Pankeniederung: sie gerieten jedenfalls beide aneinander und führten Krieg. Es steht dahin, ob sie das von den Menschen gelernt haben oder die Menschen von ihnen. Immerhin hatten die Tiere eine alte Erfahrung. Denn schon im grauen Altertum berichtet uns die griechische Sage von einer Batrachomyomachie, einem Froschmäuselerkrieg.

Georg Rollenhagen, der uns von dieser Bernauer Fehde Kunde gibt, ist nicht ihr Erfinder. Er hat, wie ich erfahren konnte, ein langatmiges und meist auch langweiliges Gedicht darüber verfaßt, das er "Der Frösch und Mäuse wunderbare Hofhaltung" benennt. Ich habe es trotz mancher Bemühungen nicht auftreiben und lesen können, und so ist mir vielleicht viel erspart geblieben. Nur in einigen Abschnitten, so sagt man, erhebt sich die Geschichte, die die damaligen Zeitereignisse und Zustände in ironisch beißender und lehrhafter Weise geißelt, zu einer gewissen Bedeutung. Rollenhagen wurde 1542 in Bernau geboren, studierte Theologie in Wittenberg und Leipzig, war Rektor in Halberstadt und Magdeburg und starb 1609.

Auf dem Wege nach Zepernick

So hat die Panke, kaum daß sie das Licht der Welt erblickt hat, viel erlebt. Ich war ihr, wie ich schon sagte, bis zur Vereinigung der beiden Quellarme gefolgt und schritt nun an ihrem Ufer abwärts. Von links her war ihr ein Wassergraben zugeflossen und hatte ihre Breite vergrößert, so daß sie nun bereits das Aussehen eines stattlichen Baches hatte. Sie lief unter der Schwanebecker Landstraße hindurch und führte schnurgrade und kanalisiert auf Zepernick zu. Schafgarbe und Wermutkräuter säumten ihre Ufer. Brennesseln, Disteln und Ackerwinden standen in Massen. Hirtentäschelkraut, Sauerampfer, Pippau und Wegerich drängten sich zu dichtem Gemisch und stiegen hinab bis zum langsam fließenden Wasser und zum Schilf­gürtel an seinem Rande. Kohlweißlinge flogen in Mengen und umgaukelten Lichtnelke und Wiesenknopf. Die Luft war drückend schwül, und die Mittagshitze brütete über den Wiesen.

In breitem Durchlaß nahm die Panke ihren Weg unter der Autobahn hindurch. Ich scheute die kleine Mühe nicht, die Böschung hinaufzusteigen, und wurde reich belohnt. In weiten Ebenen gewähren bekanntlich schon geringe Bodenerhebungen eine umfassende Rundschau. So war der Blick von der Höhe der Autobahn von überraschender Großartigkeit. Die Stadt Bernau lag in einiger Entfernung hinter dem Damm der Stettiner Bahn in Wiesen und Gärten gebettet. Grell leuchteten die sonnenbeschienenen Hauswände durch das Grün. Mächtig baute sich das hohe Satteldach der Marienkirche über den Häusern auf. Das Königstor grüßte herüber, daneben der Storchturm; weiter nach rechts reckte sich der spitze Turm der katholischen Herz-Jesu-Kirche auf.

Zu Füßen rinnt die Panke vorbei, in deren Wasser sich die dicken weißen Wolkentürme spiegeln, die sich höher und höher am Himmel aufzurichten beginnen. Hinter Bernau steigt eine blauschwarze Wolkenwand drohend empor. Es ist ganz still in der gewitterschwülen Luft. Kein Vogel singt mehr. Nur die Grillen lassen unermüdlich ihr Zirpen ertönen.

Ich habe mich am Rand der Böschung hingesetzt und hänge - etwas schläfrig geworden - mit Mühe den langsam schleichenden Gedanken nach. Da höre ich Schritte hinter mir auf der Autobahn und erblicke, als ich mich umwende, einen alten Mann, der nach freundlichem Gruß ohne Umschweife sich an meiner Seite niederläßt. Er wird Unterhaltung suchen, denke ich und finde sogleich meine Vermutung bestätigt.

"Wie friedlich Stadt und Land so daliegen", beginnt er. "Gleich als ob es niemals Krieg gegeben hätte. Und es ist doch noch gar nicht so lange her, daß hier erbitterte Kämpfe tobten. Und vor 500 Jahren, als die Hussiten Bernau berannten und das Land verwüsteten, war es eben­so. Was wird wohl nach abermals 500 Jahren der Fall sein?"

"Krieg!" antworte ich lakonisch.

"Ja, ist das nicht furchtbar? Werden denn die Menschen niemals klug werden? Warum müssen sie denn ewig und immer Krieg führen?"

"Weil sie eben noch nicht klug geworden sind, wie Sie ganz richtig sagen. Dummheit ist auch hier die Wurzel allen Übels!"

"Nur Dummheit? Liegen die Ursachen für einen Krieg nicht meist anderswo versteckt?"

"Ich glaube nicht. Sehen Sie die Tiere an. Überall herrscht Krieg. Eins frißt das andere auf, um sich selbst und seine Art zu behaupten und zu erhalten. Diesen Trieben folgt auch der Mensch. Nur daß er sie verbrämt und verkleidet und sich so für einen Krieg allerlei 'Gründe' zurechtlegt."

"Dann sind wir ja nicht besser als die Tiere?"

"Besser auf keinen Fall, höchstens verlogener. Wir brauchten es nicht zu sein. Denn uns Menschen ist eines gegeben, was die Tiere nicht haben und was uns bei richtiger Anwendung über das nur Triebhafte in uns hinausheben würde: der denkende Geist. Leider machen wir von dieser Gabe zu wenig Gebrauch, und darum sprach ich von Dummheit. Können wir sie besiegen, so wird Vernunft walten, und wir werden nicht mehr oder wenigstens nicht in dem Maße wie bisher von der Gewalt der Triebe beherrscht werden und uns gegenseitig zerfleischen."

"So glauben Sie, daß wir in 500 Jahren noch nicht so weit sein werden?"

"Es deutet nichts darauf hin. Immerhin darf man den Mut und die Hoffnung nicht ganz verlieren. Vielleicht geht es den Menschen nur noch nicht schlecht genug!"

Ich hatte keine große Lust, ein Gespräch dieser Art weiterzuführen, und war darum froh, als sich mir eine Gelegenheit abzulenken bot. Unten an der Panke nämlich kam ein Mann gegangen, der eine Angelrute auf der Schulter trug.

"Sehen Sie dort unten den Mann mit der Angelrute?" fragte ich meinen Nachbar.

"Ja. Ich möchte wissen, wo der hier noch was fangen will! Er wird es wohl weiter abwärts versuchen wollen, denn hier gibt es nichts. Früher, da war das ganz anders. Da wimmelte es in der Panke von Fischen. Das ist aber schon lange her. Mindestens zwei Menschenalter. Forellen gab es wie in einem richtigen Gebirgsbach, Steinbeißer, Barsche, Bleie, Ukleis und dann den Querker, die Jungform des Neunauges. Heut beherrscht der Stichling die Gewässer der Panke. Und der Feuersalamander lebt an seinen Ufern. Auch eine ganze Menge Hechte konnte man dazumal fangen. Wenn man Glück hatte, einen von fünf Pfund Gewicht."

Ein Angler an der Panke

"Sie sind wohl selber Angler?" fragte ich etwas arglistig.

"Nein. Warum glauben Sie das?"

"Nun, was ein richtiger Angler ist, bei dem fängt der Fisch erst bei fünf Pfund an. Wenigstens in seinen Erzählungen."

Der Alte lachte herzlich: "Sie halten das also für Anglerlatein? Nein, ich kann Ihnen versichern, daß ich die reine Wahrheit sagte. Mein Vater hat, als ich ein Kind war, selber noch soldle Burschen von fünf Pfund gefangen!"

"So will ich's glauben. Und wo ist all die Herrlichkeit geblieben?"

"Die Fische haben sich allmählich verloren. Die Regulierung und Kanalisierung der Panke, vor allem aber der starke Zufluß von Abwässern aus den Rieselfeldern hat sie vertrieben. Es ist schade, die Natur wird immer ärmer."

"Doch wohl nur da, wo der Mensch verbessernd eingreift oder sie sich, wie bei den Rieselfeldern, seinen notwendigen Zwecken unterwirft."

Während der letzten Worte hatte mein Gefährte den Himmel besorgt gemustert.

"Wollen Sie noch weit gehen heut?" fragte er mich.

"Bis nach Zepernick, am Lauf der Panke entlang."

"Dann rate ich Ihnen, gleich aufzubrechen. In spätestens einer Stunde werden wir ein tüchtiges Gewitter haben. Die schwarze Wand dort hinter Bernau steigt immer höher. Auch ich mache mich auf, damit ich trocken nach Haus komme. Allerdings habe ich es nicht mehr weit bis zur Stadt hinein. Leben Sie wohl."

Wir reichten uns die Hand. Der Alte folgte der Autobahn, und ich stieg ihre südliche Böschung hinab. Unten folgte ich dem Ufer der Panke, bis sie in Röhren unter dem Bahndamm verschwand. Ich stieg oben drüber hinweg. Weder Menschen noch Gleise nahmen mir das übel. Auf der anderen Seite der Bahn floß daß Wasser zwischen hohen Deichen dahin. Der Bach schien sich also doch zuweilen recht ungebärdig benommen zu haben, wenn man solche Sicherungsvorkehrungen traf.

Das Landschaftsbild wurde einförmiger. Auch machte die drückende Glut, die über den Wiesen lastete, den Weg nicht angenehmer. Pappeln und Eichen standen mit Erlen untermischt auf dem hohen Damm und regten kein Blättchen. Haselnußbüsche säumten ab und zu die Ufer. Wiesenklee wuchs in Mengen, und Wegerich machte sich breit. Dann wieder leuchteten ganze Flecken gelblichen Leinkrautes. Ein Mann saß regungslos mitten in der Wiese und hütete zwei Ziegen, die gierig das dürre Gras knabberten.

Einmal wendete ich mich um. Hinter mir schien der Himmel in Tinte getaucht. Die drohende Wolkenwand hatte sich bis zum Zenith erhoben. Nun galt es zu eilen. Raschen Schrittes, zuletzt im Trab, lief ich am Ufer der Panke entlang, bis ich die Landstraße nach Schönow und gleich darauf den Bahnhof von Zepernick erreichte. Es war höchste Zeit. Denn kaum hatte ich das schützende Gebäude betreten, als das Gewitter losbrach und ein wolkenbruchartiger Regen niederging. Die Sonne, die im Westen schon ziemlich tief stand, sandte noch immer ihre Strahlen über das Land und zauberte einen farbigen Regenbogen auf die Wetterwand gegenüber.

Von Zepernick bis Buch

Der nächste Tag sah mich wieder in Zepernick. Ich wollte der Kirche, die eine der schönsten im Lande Barnim ist, einen Besuch abstatten und dann meine Pankewanderung wieder aufnehmen. Die Sonne strahlte auch heut in voller Schönheit und vergoldete Bäume, Büsche und Blumen in den zahlreichen Gärten der freundlichen Omchaft. Die Kirche ist in der Tat sehenswert, wenngleich sie durch einen im Jahre 1889 erfolgten Erweiterungsbau teilweise entstellt ist. Dieser Umbau hat ihr auch die bei den anspruchsvollen Turmhelme gegeben, die an die Stelle eines schlichten Holzaufbaues mit Schweifhaube getreten sind. Wie viele andere Dorfkirchen der Mark ist auch die zu Zepernick - sie ist angeblich der heiligen Anna geweiht gewesen - im 13. Jahrhundert von Zisterziensermönchen im Granitquaderbau errichtet worden. Das Innere ist noch heut von imponierender malerischer Wirkung, die einst bedeutend größer gewesen sein muß, als statt der jetzt nur vorhandenen einen starken Mittelsäule deren zwei das Gewölbe stützten. Nach der Besichtigung der Kirche wandte ich mich wieder der Panke zu.
Von Zepernick bis Buch durchfließt sie viel Gärten- und Gemüseland. Oft zeigen Stacheldrahtsperren ihre verrosteten Zähne, und man muß Umwege machen, um wieder auf das Bächlein zu treffen, das sich inzwischen durch die von links her kommenden Wasser des Dransebachs verstärkt hat. Das scheint den Bebauern der Gartensiedlungen von Nutzen zu sein. Denn überall zeigt sich kräftiges Wachstum und reiche Fülle in den Obst- und Gemüsepflanzungen.

Hier kommt man über eine Grenze. Sie ist zwar nicht sichtbar, gleichwohl aber fühlbar. Es ist seit dem letzten Kriege etwas Bemerkenswertes in und um Berlin geschehen. Die vier Besatzungsmächte, Amerikaner, Engländer, Franzosen und Russen, haben die Stadt in vier Sektoren aufgeteilt. Der russische Sektor hat sich schärfstens gegen die Westsektoren abgegrenzt. Und diese wieder hat er gegen die sowjetrussische Zone abgeriegelt. Man muß schon weit in der Geschichte Deutschlands zurückgehen, zumindest bis in die Zeit vor der Schaffung des Allgemeinen deutschen Zollvereins von 1834, um ähnliche Zustände anzutreffen. Wer vor 200 Jahren mit der Postkutsche etwa von Berlin nach Frankfurt am Main fuhr, mußte rund 20 Schlagbäume passieren, mit denen sich große und kleine, ja kleinste Länder gegeneinander abschlossen, um vor allem Zölle erheben zu können. Fast jedes dieser Ländchen hatte eigne Münzhoheit und eigne Währung.

So sieht es heut auch wieder in und um Berlin aus. Sperren und Schlagbäume sind errichtet, auf den Fahrstraßen sind Eisenpfähle in das Pflaster gerammt, um den Durchgangsverkehr zu unterbinden, Zäune und Drahtverhaue versperren die Wege. Man könnte glauben, sich im Vorfeld einer Schützengrabenstellung zu befinden. Und tatsächlich wird auch häufig von Sowjetsoldaten oder Volkspolizisten geschossen, die ständig nervös sind und vor irgend etwas Angst zu haben scheinen. Selbstverständlich gibt es in Berlin zwei Währungen, die sich gegenseitig als Auslandsgeld betrachten und demgemäß devisenmäßig behandeln.

Die Panke kümmert sich um all diese Dinge nicht. Ihr ist es gleich, welche Fahnen an ihren Ufern wehen.
Als ich ihr auf hoher Böschung folgte, traf ich unvermutet auf eine Holztafel, die auf einem Pfahl befestigt war und mitten auf dem Weg stand. Ihre Beschriftung war sehr lustig. Sie untersagte das Weitergehen etwa im Stil jener berühmten Ankündigung: "Dieser Weg ist kein Weg. Wer's dennoch tut, erhält drei Mark Strafe."

Ein Mann, der seitwärts im Gemüseland arbeitete, beachtete mich nicht, als ich mutig vorbeiging. Sein Söhnchen jedoch, ein Dreikäsehoch, konnte sich - aus gesicherter Entfernung, versteht sich - nicht beherrschen und sagte: "Schon wieder einer! Kann wohl nicht lesen!" Hieraus und aus seiner beleidigten Miene glaubte ich schließen zu dürfen, daß er der Verfasser der schönen Inschrift war und nun darüber grollte, daß ich ihr, wie weiland Wilhelm Tell dem Hut auf der Stange, so wenig Achtung bezeugte. Tell gereichte das zum Verhängnis; ich trug den bedrückenden Vorwurf mit mir, nicht lesen zu können.

Die Panke tritt nun in die Bucher Gemarkung ein und gelangt damit auf historischen, ja prähistorischen Boden. Man fand am rechten Ufer auf dem Gelände der heutigen Kinderheilstätte bei Fundamentierungsarbeiten im Jahre 1910 Brandgruben und später die Spuren der Grundlagen von Hütten, die sich als die überreste einer germanischen Semnonensiedlung erwiesen. Die Rekonstruktion dieses bronzezeitlichen, also aus der Zeit etwa um 1000 vor Christus stammenden Dorfes gelang den Bemühungen des Direktors des Märkischen Museums, Professor Kiekebusch. Er hat uns ein anschauliches Modell dieser Siedlung geschaffen, die nun aus dreitausendjährigem Schlaf erweckt wurde und uns einen Einblick in die Bau- und Wohnweise unserer Vorfahren gewährt.

Wie dieser Fund aus grauer Vorzeit hat auch die jüngste Vergangenheit den Namen Buchs durch die Errichtung einer Reihe von gemeinnützigen Anstalten weithin bekannt gemacht. Berlins Baumeister Ludwig Hofmann, dessen Kunst wir unter anderem auch das neue Stadthaus in Berlin verdanken, schuf hier ebenso schöne wie zweckmäßige Gebäude, von denen nur die Irrenanstalt, eine Heilanstalt für Frauen, das bekannte Alte­Leute-Heim und die schon erwähnte Kinderheilstätte genannt seien.

Im Bucher Schloßpark

Aber noch etwas anderes erregt in Buch unsere Anteilnahme. Es ist die Erinnerung an jene tragische, ja erschütternde Geschichte einer Liebe, die vor 150 Jahren zwischen den Schlössern von Buch, Niederschönhausen und Berlin sich abspielte. Es ist schwer, in die damaligen Ereignisse einen Einblick zu gewinnen, der alles in klarem Licht erscheinen läßt.

Die Quellen fließen spärlich und sind meist schon im Entstehen einseitig gefärbt wie etwa das Tagebuch der Oberhofmeisterin von Voß. Vermutlich hat man absichtlich das Gedächtnis an die verschlungenen Liebespfade König Friedrich Wilhelm II. verlöschen lassen wollen, um die Kritik und das Gerede allmählich zum Schweigen zu bringen.

Allzuleicht ist es, jemanden schuldig zu sprechen, wenn man erfüllt ist von der Unantastbarkeit der eigenen strengen Moral und nicht geneigt ist, der Allgewalt der Liebe und der unbezwinglichen Glut der Herzen Zugeständnisse zu machen. Allzuleicht dagegen wird auch der gegenseitige Standpunkt des Verzeihens und des Verstehenmüssens von allen denen bezogen, die sich über die Grenzen schnell hinwegsetzen, die von guter Sitte und den gerechtfertigten Forderungen nach vorbildlicher Lebensführung eines Landesvaters gezogen werden.

Als ich den Bucher Schloßpark betrat, hatte ich noch nicht den Bericht Theodor Fontane's, die warmherzige Erzählung der Frau von Nathusius und die sachlich eindringliche, etwas strenger kritische Schilderung Martin Pfannschmidt's, des Pfarrers von Buch, gelesen. Mein Gemüt war gewissermaßen noch unbelastet, und ich war erpicht, mich mit dem Stoff näher bekanntzumachen. Das sollte mir schneller gelingen, als ich gedacht hatte.

Als ich langsam unter den schönen hohen Bäumen des Parks dahinwandelte, kam ich an einer Bank vorüber, auf der zwei ältere, schwarz und etwas altmodisch gekleidete Damen saßen. Sie waren anscheinend mit Häkelarbeiten beschäftigt. Hier schien Gelegenheit zu sein, etwas zu erfahren, fühlte ich instinktiv. Wenn überhaupt jemand, dann mußten diese beiden Damen, die unmittelbar dem Inventar des Bucher Schlößchens entnommen zu sein schienen, um die Geheimnisse Bescheid wissen, die sich mit der Liebesgeschichte und ihrer Trägerin, Julie von Voß, verbinden.

Ich bat höflich, auf der Bank Platz nehmen zu dürfen, und fand ebenso höfliches Entgegenkommen, indem mir eine Ecke eingeräumt wurde. Ich merkte wohl, wie ich von der Seite her beobachtet und mit der Ungeniertheit und Gründlichkeit alter Damen einer Prüfung unterzogen wurde. Da meine Hosen nicht ausgefranst waren, da auch meine Haare ordentlich geschnitten waren und ich eine dezente Krawatte trug, mußte ich wohl Gnade vor ihren Augen gefunden haben. Denn das von mir begehrte Gespräch wurde sehr bald von ihrer Seite eröffnet. Ich brauchte mir auch keine Mühe zu geben, es auf den Punkt hinzulenken, der mir im Sinne lag.

Im Bucher Schloßpark

Hier schien der Name der schönen Julie und ihr Gedächtnis gleichsam in der Luft zu schweben als ein ewig gegenwärtiger genius loci, und es verstand sich wie von selbst, daß hier von ihr und nur von ihr gesprochen werden mußte. Ich erfuhr alles, was ich wissen wollte. Und als ich später die Erzählungen der Autoren, die ich eben erwähnte, gelesen hatte, fand ich auf's schönste bestätigt, was ich von den Damen gehört hatte. Es war aber ungefähr dieses:

Am 4. Juli 1766 erblickte Elisabeth Amalie von Voß als Tochter des Bucher Gutsherrn Geheimen Rats von Voß und seiner Gattin, einer Geborenen von Viereck, das Licht der Welt. Ihre Taufpatinnen waren an erster Stelle die höchstgestellten Damen des Landes, die Königin Elisabeth Christine, Gemahlin Friedrichs II., und Prinzessin Luise Amalie, seine Schwester. Von diesen erhielt sie ihre bei den Vornamen, und es ist bis heut nicht geklärt, wie sie zu dem Namen Julie gekommen ist, unter dem sie der Nachwelt bekannt wurde und den auch das Tagebuch ihrer Tante, der Oberhofmeisterin, häufig anwendet.

Wir wollen dieser Gewohnheit folgen. Im zweiten Lebensjahr verlor sie ihre Mutter, im achtzehnten den Vater. So war sie der elterlichen Stütze beraubt, gerade als sie die gefährliche Luft des Hoflebens zu atmen begann. Denn mit siebzehn Jahren war sie als Hofdame zur Königin nach Niederschönhausen berufen worden. Hier lernte sie der Kronprinz kennen und begann alsbald, sie in immer stärker werdendem Maße zu umwerben. Trotz aller Warnungen und Prophezeiungen ihrer lebenserfahrenen Tante, der Oberhofmeisterin, gab Julie, zuerst stolz ablehnend, dann mehr und mehr nachgebend, dem Kronprinzen Gehör.

Von vielen Seiten wurde diese Neigung gefördert, da man hoffte, den Fürsten auf diese Weise aus den Händen der Wilhelmine Enke, einer Handwerkerstochter, der er sich völlig verschrieben hatte, zu befreien. Wilhelmine, die eine Scheinehe mit dem Kammerdiener Rietz eingehen mußte und später zur Gräfin Lichtenau erhoben wurde, gab jedoch ihre Position und ihren gar nicht immer schlechten Einfluß auf Friedrich Wilhelm nicht auf, und so kam es zu vielerlei Intrigen und Bösartigkeiten, die der sehr zarten und schwermütigen Julie viel Betrübnis brachten.

Als der Prinz nach dem im Jahre 1786 erfolgten Tode seines Oheims Friedrichs 11. den Thron bestiegen hatte, setzte er ungeachtet aller Etikette und aller Vorhaltungen, die ihm wegen Gefährdung seines und seiner Familie guten Rufes gemacht wurden, seine Bemühungen um die dauernde Gunst Julies in dringenderer Weise fort. Endlich, Ende Mai 1787, war er am Ziel seiner Wünsche angelangt. Julie von Voß wurde ihm zur linken Hand angetraut und später zur Gräfin Ingenheim erhoben. Am 2. Januar 1789 genas sie eines Sohnes, der die Namen Gustav Adolf Wilhelm erhielt. Danach verfiel sie rasch. Ein Lungenleiden, das sich höchstwahrscheinlich zur Schwindsucht verdichtete, setzte am 25. März 1789 ihrem Leben ein Ziel. Sie war nur 22 3/4 Jahre alt geworden. In der Schloßkirche von Buch wurde sie unter der Kuppel beigesetzt. Keine Grabplatte oder Inschrifttafel erinnert an sie.

Julie war eine auffällige und gefeierte Schönheit. Rötliches Haar umrahmte ein feines, schmales, marmorblasses Gesicht. Ihre Gestalt war formvollendet und ihr Gang von unnachahmlicher Grazie.
"Dort drüben hinter der Panke", schlossen die Damen ihren Bericht, "steht das Denkmal, das ihr in liebendem Gedenken ihr Bruder 0tto, der Domprobst und Kammerpräsident, setzen ließ. Es nennt ihren Namen nicht."

Das wolle ich mir ansehen, sagte ich und erhob mich mit Worten herzlichen Dankes. Mit freundlichem Kopfnicken wurde ich entlassen.

Den schlichten Denkstein fand ich bald. Auf der Vorderseite zeigt ein Flachrelief den Engel des Todes, der eine jugendliche Frauengestalt einhüllt. Sie lächelt, und ihre herabgesunkene Hand hält einen Kranz von Rosen. Auf der rechten Seite des Sockels sind Geburts- und Sterbedatum eingegraben:

Nata IV. Juli 1766
Obiit XXV. Merz 1789

Auf der linken Seite liest man einen etwas schwerfälligen Hexameter, wenn anders er Anspruch darauf erhebt, als solcher zu gelten:

Soror optima, amica patriae, vale.
Teuerste Schwester, Freundin des Vaterlandes, lebe wohl.

Sonnenlicht fällt in tanzenden Flecken durch das Buchenlaub auf das sanft dahinströmende Wasser der Panke. Die Vögel singen unbekümmert um die Tragik des Men­schenlebens ihre heiteren Lieder. Wir wenden uns langsam ab und geben für ein Weilchen den Gedanken an die Vergangenheit Raum. Nachdenklich, ja mehr als das, ergriffen sinnen wir diesem Menschenschicksal nach. Wie ein Meteor stieg Julie am Himmel des Königshofes empor, um kurze Zeit strahlend zu leuchten und dann jäh abzusinken, zu verlöschen und in die Vergessenheit einzugehen.

Von Buch bis Pankow

Wenn wir den Schloßpark verlassen und die Landstraße überschritten haben, treffen wir, die Wiesen durchquerend, nach einigen Minuten auf den Sportplatz von Buch, der zwischen Eisenbahn und Panke idyllisch gelegen ist. Wir überschreiten eine Holzbrücke und folgen dem Flußlauf am hohen Ufer.

Hier ist es schön. Eine riesige Schwarzpappel ladet zur Rast unter ihren Zweigen ein. Es ist ganz still ringsum. Krieg ist nun weit weg. Friede ist ganz nah und überall. Auf dem sonnendurchwärmten Sand sitzt ein Pappelbockkäfer und schwingt langsam die Fühler. Kohlweißlinge lassen sich zu kurzer Rast auf Distelköpfen nieder, klappen die Flügel zusammen, spreizen sie wieder und schaukeln zur nächsten Blume. Im trockenen Kraut raschelt es leise. Eine Feldmaus ist auf einen Augenblick zu sehen, wundert sich über die unerwartete Gesellschaft eines Menschen und huscht schnell davon.

Unten im Graben strömt sacht die Panke. Braunrote Libellen stehen auf breiten Blättern, die im Wasser schwimmen, und genießen die Sonnenhitze. Jenseits liegt Brachland. Weithin wuchert der wenig geliebte gelbe Hederich. Am Horizont recken sich die Türme der Bucher Anstalten. Die Luft flimmert und ist erfüllt vom Gesumm der Insekten. Alles wirkt unwiderstehlich einschläfernd.

Wirklich, ich bin hier eingenickt. Als ich erwache, ist noch alles unverändert, nur die Sonne steht ein paar Handbreit tiefer. Ich springe auf und gehe wieder auf die Wanderung, pankeabwärts. Gleich hinter den Pappeln, Erlen und Eichen liegt der Sportplatz. Drüben sitzt vor einer Holzbude ein alter Mann und schmaucht sein Pfeifchen. Als ich am Rande des Platzes entlanggehe, steht er auf und ruft hinter mir her, daß das Betreten des Platzes verboten sei. Wie schrecklich!

Ich rufe zurück: "Schon gut, Väterchen, ich bin gleich am Ende!" und quere die letzte Ecke. Der Mann setzt sich wieder und raucht weiter. Er hat seine Pflicht getan und sein Soll erfüllt, er ist befriedigt. Wie schön muß es doch sein, einen Befehl so hinausschleudern zu können! Wie schön und wie beruhigend! Möge der Alte sonst keine Sorgen haben!

Gleich hinter dem Platz verschwindet die Panke unter dem Bahndamm, nachdem sie von links den Kappgraben aufgenommen hat. Diesmal ist es ein großer Bahndurchlaß, der auch dem Weg Raum gibt. Drüben läuft das Flüßchen schnurgrade zwischen hohen Ufern dahin, umgeben von Äckern, Wiesen und Rieselfeldern.

Die Sonne brennt und macht den Marsch noch eintöniger als er an sich schon ist. Einmal muß ein breiter Wassergraben, der Lietzengraben, der aus dem Bucher Forst kommt und von rechts her mit starker Strömung der Panke zufließt, gequert werden. Die Holzbrücke ist abgebrochen. Tüchtige Berliner haben sie gewiß verheizt. Nur ein kaum handbreiter Eisenträger liegt von Ufer zu Ufer. Soll ich's wagen? Das Wasser drunten schäumt und gurgelt. Ach was! Frisch gewagt! Langsam, immer einen Fuß vorschiebend und den anderen nachziehend balanciere ich vorwärts. Das Herz klopft. Nur nicht schwanken, sonst ist's aus! Ein Vollbad bei der Gluthitze wäre gar nicht so schlecht. Aber im Abwasser der Rieselfelder? Nein, dafür danke ich doch lieber. Eine Ewigkeit scheint es mir zu dauern, bis die 5 Meter bis zum anderen Ufer zurückgelegt sind.

Ein Stückchen weiterhin arbeiten Frauen in einem Rübenfeld. Sie staunen maßlos, als sie mich vom Graben her kommen sehen, und zerbrechen sich anscheinend den Kopf, wie ich herübergekommen bin. Sie sind so verblüfft, daß nicht einmal eine Bemerkung oder ein Scherz laut wird. Ich überlasse ihnen die Lösung des Rätsels, sage gleichfalls nichts und gehe weiter.

Vor Karow erreiche ich die Landstraße und biege unter der Bahn hindurch zum Ort ein. Auch hier will ich mir die alte Kirche anschauen. Sie liegt seitlich von der breiten Dorfstraße. Wie viele märkische Dorfkirchen stammt sie aus der Zeit der ersten Erschließung und Kolonisierung der Mark nach der Unterwerfung der Wenden und ist etwa in der Mitte des 13. Jahrhunderts - wahrscheinlich von Zisterziensermönchen - erbaut worden. Aus dieser ältesten Zeit ist noch die romanische Apsis erhalten.

Bald bin ich wieder an der Panke, die ich durch Wiesen bei einer. Holzbrücke erreiche. Das ist nun wieder ein Plätzchen zum Verweilen. Mein Flüßchen sorgt für Überraschungen. Man sollte meinen, daß die Landschaft immer die gleiche oder doch ähnliche sein müßte in ihrem kleinen Umgebungsbereich. Das ist durchaus nicht der Fall. Hier dehnen sich am rechten Ufer weite Rieselfeldanlagen, links erstrecken sich in langer Reihe die Gärten von Karow und Blankenburg. Die Brücke ist solide und sehr zweckmäßig gebaut. Schon aus diesem Grund erweckt sie Wohlgefallen, und bei längerem Anschauen finde ich sie geradezu schön.

Lange Zeit stehe ich arn Geländer und sehe den Fischen zu, die hier in Schwärmen im goldbraunen Wasser schweben, alle mit dem Kopf gegen die Strömung gerichtet, von der sie sich ihre Nahrung zutreiben lassen. Es sind spannlange Tiere, die von oben her dunkelbraun aussehen, wahrscheinlich Ukleie. Sollte man wieder welche eingesetzt haben?

Ich frage einen Mann, der über die Brücke kommt und gleich mir ein Weilchen ins Wasser sieht. Er kennt sich mit den Fischen auch nicht aus.

"Hier halten sie sich gern auf", sagt er. "Die starke Strömung treibt ihnen viel zu. An den trägen Stellen der Panke werden Sie weniger oder nichts finden. Höchstens Feuersalamander. Die gibt's hier immer noch."

"Ich habe schon bemerkt", erwidere ich, "daß das Gefälle sehr verschieden ist. Groß kann es aber im ganzen nicht sein."

"Das kann ich Ihnen zufällig genau sagen. Die Pankequelle bei Bernau liegt in 72 m Höhe über Normalnull. Die Mündung an der Spree bei 32 m. Also hat die Panke bei etwa 25 km Flußlänge gerade 40 m Gefälle. Wenn Sie's richtig ausrechnen, kommt im Durchschnitt auf den Kilometer 1,60 m Fall. Das ist nicht viel. Aber wenn man die langen Strecken in Betracht zieht, auf denen die Panke fast ohne Strömung ist, bleiben für die restlichen Teile doch Senkungen übrig, die sie ganz munter fließen lasstn, wie zum Beispiel hier."

"Sie wissen das alles so zutreffend!"

"Nun", lacht er, "das ist nicht so sehr verwunderlich. Ich bin Landmesser und habe hier oft zu tun gehabt. Da lernt man diese Zahlen so nebenbei. Doch ich muß weiter, die Arbeit wartet."

Der Geometer wandte sich nach Karow, und ich war für geraume Zeit allein. Längst saß ich wieder am grasigen Ufer und sah dem Spiel der Falter und Libellen zu. Schilfgras lag langhin gestreckt im Wasser wie Frauenhaar und wurde von der Strömung sacht hin und wieder geschwenkt. Unaufhörlich riefen die Grillen in den nahen Feldern.

Einmal kam ein Radfahrer über die Brücke. Er hielt sich einen Augenblick am Geländer fest, ohne abzusteigen, und sah hinunter. Dann spuckte er ins Wasser und fuhr weiter. Seltsam!

Nun blieb es wieder ein Viertelstündchen still, bis ein kleiner weißer Spitz den sandigen Weg am Rand der Felder hinter mir langsam dahergetrabt kam. Als er mich erblickte, blieb er stehen und sah zu mir herüber. Seine schwarze Nasenspitze glänzte in der Sonne. Er machte einen recht bekümmerten Eindruck, als ob er schon einen weiten Weg hinter sich und einen noch weiteren vielleicht vor sich hätte. Er sagte nichts, ich sagte auch nichts, und so setzte er langsam seinen Schlenkertrab fort, ohne sich auch nur einmal umzudrehen. Ich blickte ihm lange nach, wie er kleiner und kleiner wurde und endlich in der Ferne verschwand.

Weit und breit war kein Mensch zu sehen. Von wem kam er und zu wem wollte er? Wie seltsam war auch dies. Aber das weiße Hündchen gefiel mir weit besser als der spuckende Radfahrer.

Nach einer guten Stunde der Rast hielt ich die Zeit zum Weiterwandern für gekommen. Ich lief wieder an Obstgärten und Gemüsebeeten entlang und kam am Südrand von Buchholz in bewohnte Gegend. Die Ufer der Panke waren nun gepflegt. Promenadenwege begleiteten sie. Trauerweiden ließen die Zweige tief über das Wasser hängen, und fröhliche Birken bewegten die Blätter spielend im sanften Sommerwind. Ich war in Blankenburg.

Dorf und Dorfaue mit der alten Kirche liegen auf der anderen Seite der Stettiner Bahn. Die Kirche ist ein massiger Bau mit einem aus Feldsteinen errichteten breiten Wehrturm an der Westseite. Das Schiff ist ein rechteckiger ungegliederter Raum mit flacher Holzdecke, eine Art Saalkirche. Der Altar wird von einem ovalen Bild, das Abendmahl darstellend, gekrönt. Es zeigt reiche Barockschnitzerei. Eine große, von Captain Johann von Barfuß 1694 gestiftete Wandtafel enthält als Inschrift das Symbolum Athanasianum. Ein aus Holz geschnitzter barocker Taufengel schwebt etwas geisterhaft daneben.

Auf dem Weiterweg nach Pankow zu macht sich die Nähe der Großstadt immer mehr bemerkbar. Linker Hand erstrecken sich noch moorige Wiesen, rechts aber zeigt sich dann und wann eine einzeln stehende Mietskaserne oder eine kleine Fabrik, ein Schuppen, eine Garage, und von fern tönt schon das Rollen und Rumpeln der Straßenbahn.

Ein kleiner Spitz an der Panke

Es scheint, als ob die Panke das alles nicht recht wahr haben will. Immer dichter umkleidet sie ihre Ufer mit Gebüsch. Stattliche Schwarzpappeln recken sich allenthalben am Wege empor. Die Strömung wird stärker, erstaunlich stark für ein Flüßchen der Mark. Unter einer kleinen Eisenbahnbrücke zeigt sich eine leibhaftige Stromschnelle. Dann umgibt sich die Panke, als sie den lebhaften Schmöckpfuhlgraben aufgenommen und das Gelände hinter dem Krankenhaus in der Galenusstraße durchflossen hat, noch einmal mit lieblicher Parklandschaft.

Der Schloßgarten von Niederschönhausen ist erreicht. Eine alte, schon vermorschte Tafel verkündet dem Wanderer, daß der Ort im Jahre 1242 zum erstenmal an das Licht der Öffentlichkeit trat, daß 400 Jahre später die ersten Anfänge zum Park mit der Pflanzung von 100 Obstbäumen geschaffen wurden und daß Eosander von Göthe das Schloß, dessen erste Anlage schon aus der Zeit des Großen Kurfürsten stammte, neu zu bauen begann, das dann 1740 die Königin Elisabeth Christine bezog. Ihr Gemahl Friedrich II. machte es ihr zum Geschenk, und hier verlebte sie getrennt von ihm während des Sommerhalbjahres ihre Tage. Alljährlich einmal - am Neujahrstage - stattete ihr der König einen Besuch ab, während sie selbst seinen Lieblingssitz Sanssouci niemals zu sehen bekam. Sie führte eine lebensvolle Hofhaltung, veranstaltete viele Sommer- und Gartenfeste und hatte oft illustre Gäste zu Besuch. Sie war bei der Bevölkerung beliebt, und auch die nahegelegene Kolonie Schönholz war immer stolz auf sie als ihre Gründerin.

1763 legte sie diese Siedlung an, ließ das alte Schlößchen mit Beamtenhäusern umgeben und errichtete dazu die Heimstätten für 12 Familien, die gegen Gartenarbeit, die an einigen Tagen der Woche in den königlichen Pflanzungen - Lustgarten und Maulbeerplantage - geleistet werden mußte, freie Wohnung und Land sowie Befreiung von Steuern und Militärdienst erhielten.

Das Schloß in Niederschönhausen, das noch manche Umbauten erfuhr, auch einmal - 1760 - durch Kriegsereignisse und Plünderung arg mitgenommen wurde, ist noch heute als wohlgefälliger Bau erhalten. Wundervolle alte Bäume - Platanen, Eichen und Buchen - geben dem Park vor der Rückfront des Gebäudes ein schönes und würdiges Aussehen. Auch heut wieder ist das Schlößchen so etwas wie eine Residenz geworden. Sogar an die Vornamen von Hohenzollernkaisern wird man erinnert. Nur daß das alles manche Menschen pie(c)kt wie ein Nadelstich...

Die Panke verläßt den Park an seiner Südseite und wendet sich dem Bürgerpark von Pankow zu.

Die Panke in Pankow

Diese Zierde des Stadtteils verdankt der Bezirk Pankow der Großzügigkeit des Barons Killisch von Horn, der 1854 das Gelände einer ehemaligen Papiermühle erwarb, die durch das Hochwasser der Panke 1839 vernichtet worden war, ein Herrenhaus auf ihm errichtete und die schönen Parkanlagen erstehen ließ, die dann 1907 Bürgermeister Wilhelm Kuhr von den Horn'schen Erben um 1 500 000 Mark für seinen Bezirk kaufte und nach kostspieligen Instandsetzungsarbeiten der Öffentlichkeit übergab.

Man sagt, daß Pankow ohne die Panke nicht denkbar sei. Oder auch: Wer die Panke kennt, kennt auch Pankow. In der Tat. Beide sind schon durch ihren Namen untrennbar verbunden, und ein großer Abschnitt des Stadtteils wird von dem namengebenden Flüßchen durchquert.

Pankow ist so alt wie Berlin, und bei der Entwicklung und Schicksale laufen im Gang der Jahrhunderte parallel. Die älteste Siedlung wird auf dem sogenannten Piesel gelegen haben, einer Bodenerhebung, die einst von der Panke im Bogen südlich umflossen wurde, bis ein im Jahre 1806 vollzogener Durchstich dem Fluß ein neues abgekürztes Bett wies.

Als Berlin im Licht der Geschichte erschien, wird auch die alte Kirche auf der Dorfaue erbaut worden sein, etwa zwischen 1230 und 1240. Sie steht heute noch. Als ältester Rittergutsbesitzer wird uns ein Kerstian Duseke genannt, der ursprünglich wohl Duczek geheißen hat und seine Abstammung damit kundgibt. Denn Pankow war ein von Slawen besiedeltes Dorf.

Wie sich Berlin im Lauf der Zeit ausdehnte, so geschah es auch mit Pankow. Beider Grenzen kamen sich immer näher. Schon früh müssen die Berliner eine Vorliebe für Pankow gehabt haben. Denn im Jahre 1370 kaufte der Rat der Stadt das Dorf vom Markgrafen Otto für 100 Mark Silber, eine für damalige Verhältnisse sicher ganz respektable Summe. Daß diese Liebe nicht kleiner wurde, sondern noch wuchs, wurde offenbar, als Pankow mehr und mehr zum Wohnort für begüterte Berliner wurde, die sich hier Landhäuser bauten oder wenigstens den Sommer gern in der gartenreichen Nachbarschaft der Panke verlebten.

Fast hätten die Pankower sogar Goethe zu ihren Gästen zählen können, wenn er es nicht gar so eilig gehabt hätte. So mußten sie sich damit begnügen, daß er am 20. Mai 1778 während seines einzigen Berliner Aufenthaltes mit seiner Kutsche in rascher Fahrt durch Pankow hindurchfuhr, um nach Niederschönhausen und dann nach Tegel zu gelangen. Aber damals war er ja noch nicht hochberühmt, und die Pankower werden ihn kaum beachtet haben.

Pankow und Berlin wuchsen allmählich zusammen. Aus dem alten Wendendorf wurde ein Vorort und schließlich ein Stadtteil Berlins. 1850 zählte man nur 1000 Einwohner, 1900 waren es bereits 21 000 und 1935 gar 75 000. Inzwischen ist durch die Einbeziehung äußerer Landgemeinden in den 19. Stadtbezirk ihre Zahl im Jahre 1937 auf mehr als 150000 angewachsen, und Pankow ist damit Großstadt geworden. Diese Entwicklung war nicht aufzuhalten, und es ist müßig, Betrachtungen darüber anzustellen, ob es nicht schöner gewesen wäre, wenn...Großstädte sind gefräßige Moloche und fragen nicht viel nach den Wünschen und der beschaulichen Behaglichkeit des einzelnen Menschen.

Vor 100 Jahren, bevor die rapide Aufwärtsbewegung in der Bevölkerungsziffer einsetzte, muß es wirklich wunderschön, ja geradezu idyllisch in Pankow gewesen sein. Es war einer der beliebtesten Ausflugsorte für den Berliner, und besonders sonntags zogen sie scharenweise dort hinaus. Damals wurde noch das Pankower Fliegenfest gefeiert, das erst um die Wende zum 20. Jahrhundert in Vergessenheit geriet. Es war das Fest der Raschmacher, wie die Tuchmacher auch hießen, und wurde mit großartigem und zünftigem Festzug begonnen, an dessen Spitze die vielbewunderten Fahnenschwinger gingen. Sie warfen die Fahnen in die Luft, um sie dann wieder aufzufangen, und man bringt die Bezeichnung "Fliegenfest" damit in Beziehung. Die Festtafel, an der der Obermeister die Festrede hielt, war im Etablissement Linder errichtet, und hier versammelten sich alle Meister. Daß bei solcherlei frohgemuten Anlässen nicht nur, gut gegessen und viel getrunken, sondern auch aus vollem Herzen gesungen, wurde, ist verständlich. Vermutlich hat man auch schönere Lieder gesungen als das um die Jahrhundertwende in ganz Berlin verbreitete "Originalcouplet" von Spahn mit dem poetischen Text: "Komm Karline, komm Karline, komm. Wir woll'n nach Pankow gehn, da ist's so wunderschön!" und dem tiefsinnigen Kehrreim: "Pankow, Pankow, Pankow, Kille, Kille, Pankow, Kille, Kille, Hoppsassa!"

Wir wollen aber nicht hochmütig oder verständnislos sein. Die große Verbreitung, die das Lied gefunden hat und das auch andere Städte mit Abänderung des Ortsnamens übernommen haben, beweist doch, daß es den Geschmack des Berliners getroffen hat, der sich nicht lange den Kopf zerbrechen, sondern harmlos vergnügt sein will. Auf dem Asphalt gedeiht nun einmal das zarte Pflänzchen Volkslied nicht, das zum Wachsen und Blühen duftendes Erdreich nötig hat.

Es ist, als ob die Panke zu all der Sommerlust der Berliner die Begleitmusik gespielt hätte und als ob sie damit Abschied nehmen wollte von der Fröhlichkeit des Landlebens, von Feld und Wiese, Park und Auen. Denn kaum, daß sie den Pankower Bürgerpark verlassen hat, ändert sich ihr Bild und Wesen gänzlich.

Die Gegend um sie wird seltsam charakterlos und öde, Mietskasernen wachsen hoch, gemauerte Uferwände zwängen sie ein, alle munteren Bilder und bunten Farben verschwinden. Die Panke erreicht die eigentliche Großstadt. Aus dem Wiesenbächlein wird ein Pflasterfluß. Spiegelten ihre klaren Wasser einst des Himmels Bläue und segelnde Wolken, neigten sich Ufergewächse, Busch und Baum, grünend und blühend über sie, so zeigt uns ihr schwärzlich graues Wasser jetzt nur verschwommen die Mauern hoher unschöner Häuser. Wohl stehen noch manchmal stattliche Bäume, vor allem starke Schwarzpappeln und Weiden, an ihrem Rande, oft so schräg über sie geneigt, daß man glaubt, darauf warten zu können, bis sie ins Wasser stürzen, aber es sind doch nur letzte Anzeichen einer ver­schwundenen und von der Großstadt verdrängten freinatürlichen Landschaft.

Jetzt zeigen sich in der nun stärker bebauten Gegend auch deutlicher die schweren Schäden des letzten Krieges. Waren die Vororte und selbst Bernau - trotz heftiger Kämpfe - vom Bombenregen so gut wie verschont geblieben, so treffen wir in diesem Stadtteil immer häufiger auf Häuserruinen, die im Stadtbild das traurigste Erinnerungsmal an jene unheilvollen Tage und noch unheilvolleren Nächte der Luftangriffe geblieben sind. Aber schon regt es sich allerorten wieder. Neue, lichtere Bauten wachsen empor, die engen und dunklen Hinterhöfe verschwinden. Sehnsucht und Hoffnung stärken die Herzen. Die Berliner sind ein zähes Geschlecht, das sich nicht unterkriegen läßt. Auch die Panke trägt ihr wechselndes Geschick mit Gelassenheit.

Wedding an der Panke

Nun treibt schon mancherlei Unrat, Papier und auf den Straßen schmutzig gewordenes, abgefallenes Laub auf dem Wasser der Panke. Manchmal rollt ein Ball hinein, der den an der Uferstraße spielenden Kindern entglitt. Dann erhebt sich lautes Geschrei. Alle rennen zur nächsten Steintreppe, auf deren untersten Stufen sich die mutigsten Jungen mit einer Stange oder einem langen Ast bewaffnet aufstellen und versuchen, das langsam heranschwimmende Spielzeug herauszuangeln. Die Mädchen steigen auf das eiserne Geländer und begleiten die Rettungsarbeiten mit aufgeregtem Geschnatter. "Fall' bloß nich rein, Franz", ruft ein flachsblondes Mädchen, "sonst kriegste nasse Hosen und Keile von Muttern!"

"Quatsch keen Blech, Liese", sagt Franz, "wat jehn dir meine Hosen an! Paß lieber uff, det deine nich naß wern vor lauter Angst!"

Kavalier bleibt Kavalier, selbst am Wedding. Die Panke hat wohl manches gesehen und gehört auf ihrem Lebenswege. Scheint ihr der kesse Ton der Berliner Rangen doch zu viel zu werden? Sie zieht es vor zu verschwinden. An der Wiesenstraße entzieht sie sich unseren Blicken und zwängt sich hinein zwischen engstehende Wände von Wohnhäusern und Fabrikgebäuden. Nur dort, wo sie eine Straße kreuzt, können wir von der Brücke aus ein kleines Stück ihres Laufes überblicken. Es sind keine erfreulichen Eindrücke, die wir da empfangen. Unverputzte Mauern, verrottete Uferstreifen, im Wasser verrostete Eisenteile. Vom Grunde schimmern verbeulte Konservendosen und ausrangierte Eimer herauf. Kein grünes Gras, kein bunter Busch ist mehr zu sehen. Nur eine streunende struppige Katze schleicht auf dem schmalen Ufer entlang.

Die Panke im Wedding

Vorbei am Lessing-Gymnasium erreicht die Panke die Schönwalder Straße und bringt uns hier eine überraschung. Es scheint ihr trotz ihres unzweifelhaft gewordenen Abstiegs noch eine gewisse Großartigkeit anzuhaften. Gerade so wie sie aus zwei Quellflüssen herkam - wir erinnern uns der Belehrung durch den heimatkundlich geschulten Bernauer Komantschen -, so beansprucht sie auch zwei Mündungsarme für sich. Jedoch dürfen wie sie weder für das eine noch für das andere verantwortlich machen. Sie läßt sich's nur von den Menschen gefallen, was mit ihr geschieht, und sie muß es sich ja gefallen lassen.

Der Bau des Bernauer Bahnhofs, das heißt also Menschenwerk, verlangte die Entstehung des zweiten Quellarmes. Menschenhände auch schufen den zweiten Mündungsarm, indem sie im Jahre 1830 den Schönhauser Graben anlegten, der die Hauptwassermenge über das Gelände der Gasanstalt an der Chausseestraße hinweg dem Nordhafen zuführt, in den sich die Panke mit starkem Schwall ergießt. Wie stark dieser Schwall ist, und wie ungebärdig die Panke gelegentlich werden kann, erlebte man erst vor kurzem, als nach starken Regenfällen und Gewittern ihre Wogen so hoch gingen und so reißend wurden, daß ein gutes Stück der Uferwand des Nordhafens unterspült wurde und einstürzte.

Die eigentliche, sozusagen die "Urpanke", ist nach dieser Spaltung ein recht, unansehnliches, fast lächerlich armseliges Rinnsal geworden, das sich zwischen Fabrikgebäuden und Hinterhöfen verliert und schließlich ganz unterirdisch wird. Erst ein Stück jenseits der Chausseestraße taucht ihr klein und bescheiden gewordener, kaum etwas Wasser führender Graben hinter dem Gelände des "Grützmacher" wieder auf.

Dieser Name wird der heutigen Generation kaum noch geläufig, jedenfalls in der Entstehung unverständlich sein. Die große freie Fläche hinter den früheren Kasernen in der Chausseestraße, einst Exerzierplatz, dann - zum Teil wenigstens - Raum für das Polizeistadion, war vor 200 Jahren den Invaliden als Acker- und Gemüseland zugewiesen worden, als Friedrich II. im Jahre 1748 den alten verdienten Soldaten das Invalidenhaus in der Scharnhorststraße hatte erbauen lassen. Da sich aber bald Unzulänglichkeiten und Schwierigkeiten bei der Verteilung und Benutzung des Landes ergaben, wurde ein Generalpächter eingesetzt, der für ordnungsmäßige Verwaltung zu sorgen hatte. Der bekannteste von ihnen war Grützmacher, dessen Name uns in dem einst anderen Zwecken als heut dienenden Gelände noch erhalten ist.

Auch die Kasernen, zu denen dieser weite Platz gehörte, und das Regiment, mit dem sie früher belegt waren ­das Gardefüsilierregiment -, haben sich bis zum heutigen Tage einer populären Bezeichnung zu erfreuen: die "Maikäfer" und "Maikäferkaserne" sind jedem älteren und auch wohl einem großen Teil der jüngeren Berliner, soweit sie in der dortigen Gegend ansässig sind, ein geläufiger Begriff geblieben. Alljährlich im Mai, zur Zeit, da die ersten Maikäfer auftraten, erschienen auch die Gardefüsiliere im Straßenbild, wenn sie die Kasernen zu ihrer großen Frühjahrsübung verließen. "Pünktlich wie die Maikäfer", sagte man von ihnen. Und dieser Name ist ihnen geblieben, zumal da auch ihre dunkelgelben Schulterklappen und das Schwarz des Uniformkragens an die Farben des Käfers erinnerten.

Wenn wir uns an dieser Stelle eine kurze Strecke vom Lauf der Panke entfernen, so geschieht es doch nur, um wieder auf eine andere Weise mit ihrem Namen in Berührung zu kommen. Ein kleines Stück nur folgen wir der Chausseestraße nach Süden und treffen kurz vor der Invalidenstraße auf ein weitläufiges Gebäudegrundstück, das in seinen Räumen unter anderem auch der Berliner Pankgrafschaft von 1381 als Heim und Versammlungslokal diente. Dieser Vereinigung sei mit einigen Worten gedacht.

Ein Kreis heimatliebender Männer, die am Wedding ihren Wohnsitz hatten, schloß sich am 17. Juni 1881, abgestoßen von den endlosen politischen Hetzereien und Kannegießereien ihrer Zeit, zu einer "antipolitischen Vereinigung" (A.P.V.) zusammen, die sich wenig später in "Alter Pankgrafen Vereinigung Wedding an der Panke" (A.P.V.) umtaufte.

Der gesunde Humor, der die Pankgrafen allezeit begleitete, zeigte sich schon beim Entstehen ihrer Gesellschaft: in selbstgeschaffener Sage wurde der Ursprung des Grafengeschlechts um ein halbes Jahrtausend (auf das Jahr 1381) zurückverlegt. In dieser Sage spielte besonders der Ritter Udo mit der gespaltenen Klaue eine Rolle. Wie die Schauerballade erzählt, ertränkte er sich selber mit voller Rüstung in der Panke, wobei der Gestank, den dieses Flüßchen in der inneren Stadt verbreitete, und die damit verbundene Absicht, sie "zuzuschmeißen", als wirkungsvollste Motive für seinen Freitod und für sein Wiederauftauchen in 50jährigem Abstand auftraten. Die kleine Schar der in Freundschaft und Treue einander verbundenen Männer wuchs von Jahr zu Jahr und wurde bald über die Grenzen des Weddings und des Berliner Nordens hinaus in der ganzen Stadt und Um­gebung bekannt. Sie verdankte das ihrem von Frohsinn und Männlichkeit erfüllten Auftreten in der Offentlichkeit mit Umzügen und festlichen Veranstaltungen.

Die Pankgrafen

Wenn sich auch Mitglieder der Vereinigung schließlich in ganz Deutschland fanden, so blieben doch immer Panke und Wedding Keimzelle und Heimat. Die Farben ihres Banners deuteten mit Schwarz-Grün-Grau-Blau auf die Farben des Pankewassers hin. Ja, die Pankgrafenfahne war sogar in der Quelle der "Geheiligten" Panke getauft worden. In ganz Deutschland wurde die Pankgrafschaft bekannt und berühmt durch die alljährlich unternommenen Fehdezüge gegen kleinere und größere Städte. Fehden, die sich zuletzt in allgemeine Verbrüderung und Freundschaft zwischen Siegern und Besiegten auflösten und zu großen Jubelveranstaltungen wurden, zu deren Abhaltung sich manche Stadtverwaltungen geradezu drängten. Brachten sie doch nicht nur frohe Lebendigkeit, Geselligkeit und Humor in ihrem Gefolge mit, sondern versprachen auch klingenden Gewinn; denn die trinkfesten Grafen waren immer gut zahlende Gäste. Gedenken auch wir ihrer mit dem Bundesgruß "Mgrhuh"!

Klägliches Ende der Panke

Wir kehren zur Panke zurück. Sie fließt am Rande des Invalidenparks entlang und scheint hier wieder ein wenig aufzuleben, wenn das Grün des Laubdaches und das sanfte Rauschen der Blätter zu ihr hinüberdringt. Es ist nur ein kurzes Aufatmen. Denn bald wird sie wieder von der Steinwüste der großen Stadt verschluckt und bleibt uns für längere Zeit völlig verborgen. Erst an der Hannoverschen Straße kommt sie wieder zum Vorschein und tritt halbvertrocknet in die Gartenanlagen hinter der Tierärztlichen Hochschule ein.

Hier nun glaubt man sich zurückversetzt in die Gegen­den, wo die Panke ein liebliches Gewässer war, als sie, etwa im Schloßpark von Buch oder in dem von Niederschönhausen, sich mit den Schönheiten einer natürlichen oder durch Gartenkunst geschaffenen Landschaft umgab. Wundervolle alte Kastanien, Ahorne, Eichen und Ulmen breiten ein schattenspendendes Laubdach, und man ist geneigt, an ein Wiedererwachen und Wiedergesunden des Flüßchens zu denken, das die Qualen und Häßlichkeiten eines Straßenkanals zu unserer und zu seiner eigenen Freude überstanden hat.

Laßt uns nicht frohlocken! Das bittere Ende steht dicht bevor. Es ist die gleiche Erscheinung, die wir so oft bei Schwerkranken beobachten können. Die lebensgefährliche Operation ist gerade glücklich überstanden. Die Angehörigen sind am Bett des Patienten versammelt und sind hocherfreut über das gute Aussehen, über die Munterkeit und die Lebensfreudigkeit des Kranken. Alles scheint auf einen guten Verlauf und auf völlige Genesung zu deuten. Man atmet erleichtert auf. Gottlob! Er hat es überstanden!

Das klägliche Ende der Panke

Sie irren sich alle. Nur der schärfer und tiefer blickende Arzt läßt sich nicht täuschen. Er kennt diesen Vorgang aus Erfahrung. Die Natur sammelt in dem anscheinend Genesenden noch einmal alle Kräfte, bäumt sich noch einmal gegen die Gewalt des Todes auf, der bereits unsichtbar hinter dem Krankenbett steht. Eine "Euphorie" nennt der Mediziner diese auffällige Erscheinung, ein "Wohlbefinden", das nur falsche Hoffnungen erweckt und in Wirklichkeit das letzte Aufflackern der Lebenskräfte ist. Tiefe Bestürzung befällt dann alle, die schon voller Zuversicht gewesen waren, wenn sie erfahren, daß unmittelbar auf diese augenscheinliche Besserung der Tod folgte.

So ergeht es uns auch mit der Panke. Sie ist dem, der ihrem Lauf liebevoll gefolgt ist, fast zu einem lebenden Wesen geworden. Mit Betrübnis hat er ihr kränker und hinfälliger werdendes Antlitz betrachtet, je mehr sie ein Opfer der Großstadt wurde. Und nun auf einmal erlebt er die Wiederauferstehung des kleinen Wässerleins im Park der Hochschule. Wie ist man froh! Nichts Ernstliches hat ihr der graue Steinkoloß Berlin anhaben können. Nur Licht und Sonne und Park und Blumen mußten wiederkommen, damit alles wieder gut wurde! Die "Euphorie" hat sich eingestellt. Der Kundige weiß es. Nichts kann ihn täuschen. Nicht gesunden wird die Panke: zu sterben ist ihr bestimmt.

Und welch ein trauriges Ende muß sie erleiden! Ein Stücklein quält sie sich noch, wenn sie den Park verlassen hat, zwischen hochragenden Häuserwänden hin. Die schönen schmiedeeisernen Geländer an der Karlstraßen­brücke können uns nicht darüber hinwegsehen lassen, daß das, was dort unter der Brücke dahinschleicht, ein totkrankes, elendes, ja leider auch heruntergekommenes Wesen ist. Wir mögen gar nicht mehr hinabschauen in das schmutzig trübe, träge gleitende Kloakengewässer, zu dem sich die Panke auf ihrer letzten Wegstrecke gewandelt hat. Wir sind froh, daß neben dem gewaltigen Bau des Großen Schauspielhauses ein dunkles Tor sie verschluckt. Wenn der unterirdische Kanal sich wieder auftut, am rechten Spreeufer, gegenüber dem Bahnhof Friedrichstraße, schleicht ein schwarzes, schmieriges Wässerlein durch die Öffnung der Kaimauer und verliert sich, von niemand beachtet und von kaum jemand gekannt, im Flußbett der größeren Schwester. 

"Schiffbauerdamm Nummer zwee
Fließt die Panke in die Spree"

sagt der Berliner. Er stellt das ganz sachlich fest ohne bedauernden oder beschönigenden Kommentar. Was soll er auch Zu diesem häßlichen Fall sagen? Und doch scheint mir etwas hinter diesen Worten zu stecken. Einmal der gutmütige Spott und trockene Humor der Berliner, dann aber doch ein Tröpfchen Wehmut und leichte Traurigkeit. Er will es sich nur nicht merken lassen, der Berliner, daß er im Grunde ein weiches Herz hat. Dessen schämt er sich und wird lieber bärbeißig oder derb oder ironisch. Ich jedenfalls höre etwas wie Resignation und Trauer aus diesen Worten heraus. Traurig aber ist man nur um Menschen oder Dinge, die man liebt.

Es wird hier so sein wie oft im Leben. Häßliche, störende, Unbehagen bereitende Sachen und Erlebnisse suchen wir aus der Erinnerung nach Möglichkeit zu verbannen. Die Natur gibt uns einen seelischen Schutz, indem sie Vorkommnisse, die unserem Bekenntnis zum Dasein unerfreulich im Wege stehen, in Vergessenheit versinken läßt, um unser Gemüt nicht unnütz zu belasten.

Denken wir doch an unsere Schulzeit zurück! Wie man­chen kummervollen Tag hat uns der bevorstehende Auf­satz oder eine gefürchtete Klassenarbeit bereitet, wie angstvoll waren die Stunden, in denen wir, weil wir wieder einmal schlecht präpariert waren, zitternd warteten, ob wir aufgerufen werden würden oder nicht. Haben uns nicht quälende Examensträume sogar noch nach der Schulzeit verfolgt? Wenn aber mit dem Verlassen der Schule alles überstanden war, fiel die Erinnerung an jene peinigenden Augenblicke, Stunden, Tage und Wochen von uns ab, als hätte es dergleichen niemals gegeben, oder wurde doch mit lächelnder und überlegender Miene abgetan. Es blieb uns ein froh leuchtendes Bild goldener Jugendzeit. Alles erschien nun im rosigen Licht. An Lehrer und Mitschüler wurde in Herzlichkeit gedacht und nichts konnte uns mehr bedrücken. Auch die gelegentlichen Träume wurden mit Schmunzeln gewertet. Wir fragen in unserer Erinnerung nach schönen, erfreulichen, erhebenden und beglückenden Dingen und wenden uns - bewußt oder unbewußt - ab von allem, was uns Unbehagen macht, quält und verdrießt.

So mag es uns ergehen, wenn wir die Gedanken an das überaus traurige und klägliche Ende der Panke; das Gedächtnisbild eines Kloakenwassers, durchaus von uns abtun. Wir wollen nicht bedrückt sein, wir wollen uns freuen, wenn wir an das Flüßchen denken, dessen Lebenslauf wir vom Anfang bis zum Ende verfolgt haben. Darum werden wir leichter und mit Wohlgefallen die lieblichen Bilder in uns wieder erstehen lassen, die sich uns im Verlauf unserer Wanderung an den Ufern der Panke so reichlich dargeboten haben. An die Quelle und an das winzige Rinnsal des Anfangs, an die geschichtsreiche Stadt Bernau, an das plätschernde Wasser zwischen umbuschten Ufern im Wiesengelände werden wir denken. Da tummeln sich Libellen und Falter, der Kuckuck ruft, dunkle Fischlein stehen über leuchtend goldbraunem Grund, und ein kleiner weißer Hund trabt geduldig seinen weiten Weg.

Es wird nicht bei diesem einen Besuch bleiben, liebe kleine Panke, auf dem ich dich erkundete und deinen Lauf verfolgte. Ich will wiederkommen. Im Frühling, wenn Weiden und Haselnußbüsche voller Kätzchen hängen und der erste bunte Wiesenflor an den Ufern leuchtet. Der heiße Sommer lädt mich zur Ruhe ein im Schatten der ragenden Pappel, wenn die Luft über den Wiesen flimmert und der ferne Ruf des Pirols zu sanftem, von freundlichen Träumen erfüllten Schlaf verführt. Der buntfarbige Herbst wird mich bei dir finden, und im Frost des klaren Wintertages, wenn die erstarrten Halme des Schilfes im leichten Ostwind klirren, wenn die zier­liche Spur der Krähe in langer Kette über den Schnee läuft und violette Schatten in den Senkungen lagern, wird mein schnellerer Schritt dich eine Wanderstrecke lang begleiten.

Ja, ich werde dich und deine stillen und vertrauten Winkel aufsuchen. Denn ich habe dich in mein Herz geschlossen, und für mich wirst du immer sein die

liebe kleine Panke.